Yvonne Moser, Malerin

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 66/4, vom 13. Juli 1962, Asconeser-Künstler, Die Malerin Yvonne Moser, von Hilde Wenzel: „Der jungen Künstlerin wird in Cavigliano im Pedemonte begegnet. Denn dort gibt Ursula Bovien, die Inhaberin der Galleria MERIDIANA Künstlern Gelegenheit, ihre Werke zu zeigen. Das lang gestreckte Lokal, das mit Geschick in einen Ausstellungsraum verwandelt wurde, war früher ein Kuhstall. Über eine steile Treppe gelangt man dahin. Die Kühe müssen die reinsten Akrobaten gewesen sein. Yvonnes Werke fügen sich gut in diese Umgebung, da sie, wie sie selbst sagt, eine grosse Tierfreundin ist. Wir haben Gelegenheit dies festzustellen, als wir sie in ihrem Heim in Avegno besuchen. Es ist das Haus des Schriftstellers Plivier, das sie bewohnt. Avegno, die erste Ortschaft im Maggiatal, gliedert sich in „di fuori“, „di mezzo“ und „di dentro“. An den Häusern seiner Piazza gibt es lustige Tierfresken und einen Soldaten in blauer Uniform. In Avegno di Dentro, kurz vor dem „Grotto Maimorire“ zweigt ein Pfad ab, der zu einer Wiese mit steingrauen Häuschen führt, und schon sind wir bei Yvonne Moser angelangt. Unter dem Dachfirst von Yvonnes Haus gurren die Tauben, in kleinen Ställen knabbern Kaninchen an grünen Salatblättern und Karotten, und einige neugierige Hühner kommen in die Küche spaziert. Ein braun-weiss gefleckter Windhund, welcher Yvonne auf ihren Wanderungen begleitet, liegt vor der Tür.
Trotz der waschechten Zürcher Mundart, die sie spricht, stand Yvonnes Wiege nicht an der Limmat. Ihr Vater wanderte in jungen Jahren nach England aus und heiratete dort eine Engländerin. Am Ende des Krieges kam Yvonne als 14jährige in die Schweiz zu ihrer Grossmutter nach Luzern, bei der sie zwei Jahre lang blieb. Ihr Wunsch war es, sich im Baufach auszubilden, doch kein Architekt wollte sie beschäftigen. So lernte sie zunächst bei einem Bildhauer das Formengiessen und modellieren. Danach besuchte sie die Kunstgewerbeschule in Zürich. Ihre Vorliebe galt von jeher der Malerei. 1954 durfte sie in der Galerie 16 in Zürich abstrakte Bilder ausstellen und ein Jahr später in ihrem Geburtsort Southend in England gegenständliche Malerei. „Denn ich kam vom Abstrakten zum Gegenständlichen, da mich die abstrakte Kunst nicht zu befriedigen vermochte“, meint Yvonne. Sie hat ihre Bilder im Strauhoff in Zürich gezeigt und einen guten Erfolg mit Bühnenbildern für das Theater am Neumarkt gehabt.
Die Malerin hat sich viel in der Welt umgesehen, bevor sie sich im Maggiatal niederliess. Sie ist in Italien, in Südfrankreich, in Deutschland und vor allem immer wieder monatelang in Spanien gewesen. Dort hat sie wohl auch die meisten Impulse empfangen. Sie hat im Casino von Aguilas in Spanien ausgestellt. Die Bilder in ihrem kleinen Atelier erinnern in ihren dunklen Tönen, in braun, blau und schwarz an alte Meister, an Goya, doch man merkt, dass auch Impressionisten wie Céçanne ihr einiges zu sagen haben. Da gibt es langstielige Blumen in grüner Vase, ein Stillleben in braun-rosé Tönen mit dem Stierkämpferhut dem Fächer und dem Rebhuhn, das durch eine leuchtend gebe Melone aufgehellt wird. Spanische Landschaften mit einem fast violetten Meer kehren häufig wieder. „Und regt sie die Tessinerlandschaft nicht zum Malen an?“ möchten wir wissen. „Natürlich“, erwidert sie, „das wird kommen, ich bin erst so kurze Zeit hier.“ Ein Stillleben mit Korb, Bratpfanne, Teetopf und tönernem Krug ist besonders bemerkenswert. „Ich koche leidenschaftlich gern“, sagt Yvonne ernsthaft als sie merkt, dass wir dieses Bild betrachten.
Als Beweis dafür, führt sie uns in die Tessiner Küche, in der sie ein köstliches Mahl vorbereitet hat, das aus spanisch gewürztem Reis, zartem Hühnerfleisch und einer Süssspeise besteht. Beim schwarzen Kaffee erfahren wir, dass Yvonnes Eltern im Wirtefach tätig sind. Sie weiss also nicht nur um die richtige Zusammenstellung der Farben, sondern auch um die richtige Verwendung der Speisen und Gewürze Bescheid.
„Es zieht mich immer wieder nach Spanien“, sagt sie als wir uns verabschieden, und sie dem Hund pfeift, um uns noch ein Wegstück zu begleiten. „Aber hier habe ich eben die südliche Landschaft, ohne allzu weit von den Anregungen und Möglichkeiten der deutschen Schweiz entfernt zu sein.“