Valle Onsernone

„Unser Tal ist ein kurioses Tal“, sagte nachdenklich die alte Teresa. Sie stand neben der Sciora am Rande ihres Kartoffelackers und schaute übers Land. Die Sciora kehrte sich verwundert nach der Alten um. „Kurios? Warum?“ Teresa fuhr in fast spöttischem Ton fort: „Ist denn ein Tal nicht kurios, dem man nicht auf den Grund sehen kann?“ Aus der Novelle „Versöhnung“ von Aline Valangin. Das Valle Onsernone ist ein Tal der Extreme, steil und zerklüftet, ohne horizontale Flächen. Der Fluss Isorno ist kaum zu sehen. Er schlängelt sich versteckt am Boden der Schlucht, die den unteren Teil des Tales ausmacht. Dörfer und Siedlungen liegen zwei- bis dreihundert Meter höher, quasi auf halbem Weg zu den ringsum aufragenden Gipfeln, an einer Strasse, die sich über 28 km und um 300 Kurven windet. Die Strasse nach Russo wurde 1840 erbaut und erst 1870 bis nach Spruga hinauf verlängert. Die Schlucht selbst duldet keine menschliche Präsenz. Reissende Hochwasser und Unwetter richten immer wieder verheerende Schäden an, wie zuletzt im Jahr 1978, als die Fluten mehrere Brücken zerstörten und ein Bergrutsch zuunterst im Tal sogar einen natürlichen Stausee entstehen liess. Überhaupt ist die Erde hier alles andere als stabil. Gerölllawinen sind nicht selten, und Steinschlag gehört fast zum Alltag. An gefährlichen Stellen trifft man auf Bildstöcke mit Darstellungen von Schutzheiligen oder der Mutter Gottes. Glaube versetzt hier keine Berge, sondern soll sie in Schach halten. Das Valle Onsernone und seine gewaltige Natur inspirierten Max Frisch, er besass ein Haus in Berzona, zur Erzählung “Der Mensch erscheint im Holozän”, eine düstere Parabel über die Nichtigkeit des Menschen angesichts einer gleichgültigen Umwelt. Kritiker meinen, der Autor habe vielleicht zu sehr auf seine Seite des Spiegels geschaut. Und Aline Valangin hält nach der Lektüre des „Holozän“ fest, Frisch stelle das Onsernonetal als Jammertal dar. Er verkenne das Wesen der Bewohner. Die seien keine Kopfhänger, sondern stünden mit beiden Beinen im Leben, mit Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und einem gesunden Humor. Max Frisch soll über das Valle Onsernone gesagt haben, es sei das einzige Schweizer Tal, das nicht in einem Tourismusführer erwähnt sei. Nach Frisch’s Zeit steht in eben einem solchen Führer geschrieben: „Die schönste Sackgasse der Schweiz heisst Valle Onsernone.“ Und eine Schweizer Sonntagszeitung vermeldet: „Das Onsernonetal ist so, als ob die Welt vergessen hätte, dass es existiert. Und das ist gut so.“ In Loco befindet sich das "Museo Onsernonese". www.valle-onsernone.info