Magda Popper, Künstlerin

geboren in Wien, gestorben in Ascona

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 28/5, vom 10. August 1957, Asconeser-Künstler, von Marie-Louise Martin: „So zurückhaltend und wenig marktschreierisch, wie sie ihre Werke in zwei halbversteckten Vitrinen dem öffentlichen Auge mehr entzieht als darbietet, ist auch in ihrem ganzen Wesen und Schaffen die Asconeser Keramikerin Magda Popper. Wer sie im Hintergrund aller Konzerte, im Halbdunkel sämtlicher anspruchsvollen Vorträge erspäht, oder auf ihrem vorsintflutlichen, rostigen Velo über die Piazza reiten sieht, wird möglicherweise durch den Kontrast des damenhaften Benehmens zu den saloppen Flanellhosen frappiert, oder durch den der soignierten Sprechweise zu ihren verklecksten, schön geformten Händen, von deren tonverschmierten Nägeln der hoffnungsvoll mondän aufgetragene Lack in höchst unmondäner Weise allen Bemühungen zur Elegance widerstehend, ständig abblättert.
Aber die zarten, von niemand anderem verwendeten Farben und Glasuren ihrer Boccalini und Vasen blättern niemals ab. Ihr Geheimnis? Magda Popper gibt keines von den Rezepten der Zusammensetzung ihrer Farben preis, die sie nach jahrelangem Probieren selbst herstellt und, obwohl sie es leugnet, ist sie doch stolz darauf, einmalige, unnachahmliche Töne ihrer Glasuren zu erzielen, wie etwas ihr Tomaten-Orange oder das stumpfe, bläuliche Grün-grau, die ihre Keramiken von allen anderen unterscheiden.
„Kauf deine Töpfe und Tassen lieber in einer Fabrik“ weist sie Kunden zurecht, die ihre unendliche Phantasie eindämmen möchten und aus der unerschöpflichen Variation ihrer Formen eintönig wiederholte Gebrauchsgegenstände zu bestellen suchen.
Und doch stellt Magda Popper Gebrauchskeramik her. Dutzendweise werden von den grossen Hotels Boccalini, Cachepots oder Vasen bestellt, sie formt sie gleichmässig, in unermüdlicher Geduld, mit nie erlahmender Schaffensfreude, in Sorgsamkeit und mit Hingabe. Sie sind gleich, wie die Blätter eines Baumes gleich sind, man nimmt ein Stück aus der langen Reihe in die Hand – und hat plötzlich anstelle eines leblosen Gegenstandes ein kleines Kunstwerk vor sich. Die Obstschale umfängt zärtlich wie ein Lebewesen die ihr anvertrauten Früchte, jahrelang erfreut sie das Auge und man kann das Gefühl des Richtigen, des befriedigten Sinnes für die Proportion des Schönen, nur empfinden, aber nicht beschreiben. Eine Zuckerdose, ein simples Ding wie ein Aschenbecher, soll ein Kunstwerk sein? Sie sind es!
In jeder Kleinigkeit, in der Drehung des Griffs einer Tasse, in der Wölbung des Weinkruges, spürt man die Individualität und Eigenwilligkeit ihrer Schöpferin, aber auch deren erbarmungslose Strenge und Zurückhaltung vor jeder Effekthascherei.
Das kommt wohl daher, dass die begabte Künstlerin Magda Popper aus der Bildhauerklasse hervorgegangen ist und an der Wiener Kunstgewerbeschule ursprünglich vor allem figürliche Keramik und Reliefs geschaffen hat, aber bereits zu Beginn ihrer viel versprechenden Laufbahn Interesse für die Drehscheibe des Töpfers zeigte. Schon ihre damaligen Arbeiten waren so erstklassig, dass sie immer mehr zur Keramik überging, nach Wien in Berlin und bei den berühmten Gmundner Keramikwerken ihre handwerkliche Ausbildung vervollständigte und sehr bald auf internationalen Ausstellungen ihre Arbeiten zeigte.
Durch die österreichische Ausstellung wurde Magda Popper in London bekannt und als sie ihre Heimatstadt Wien verlassen hatte, gingen ihre Entwürfe von England aus an alle grossen Keramikfabriken.
Nach Ascona kam Magda Popper zu einem Besuch, der sich wie bei den meisten Asconeser Künstlern, aus einer Liebe auf den ersten Blick zu einer fest verknüpften Dauerliebe zu dem Ort verwandelte. Sieben Jahre lang durfte Magda Popper fremdenpolizeilicher Vorschriften wegen nicht arbeiten und konnte nur hie und da aushilfsweise etwas Gebrauchskeramik herstellen, um die Technik des Drehens nicht zu verlernen.
Bei allen Ausstellungen von Asconeser Künstlern sind grössere Arbeiten Magda Poppers zu sehen, sie werden immer bemerkt, immer bewundert und immer gekauft. Ihre Freunde – namhafte Künstler aus der ganzen Welt – machen ihr Vorwürfe, weil sie so selten eine grosse, fast niemals mehr eine figürliche Arbeit Magda Popper’s zu sehen bekommen.
Magda Popper wehrt sich gegen solche Vorhaltungen. Sie habe keine Zeit, sagt sie, sie müsse die vielen Aufträge ausführen, die ihr tägliches Brot sind. Sie hat Schülerinnen und Kinderkurse, sie pflegt hingebungsvoll ihre betagte Mutter, sie hat keinen Platz in ihrer kleinen Werkstatt, der Tag ist zu kurz für alles, was sie tun sollte. Und sie schenkt – das ist ihr Trost, ein Stückchen ihrer künstlerischen Seele jedem einzelnen ihrer bescheidenen Boccalini. Ähnlich wie der göttliche Töpfer den seiner Handfertigkeit unwürdigen Geschöpfen, die Er aus Ton geformt hatte, mit seinem Atem Leben eingehaucht hat.“
Im Jahr 2009 wurde im Internet eine Zeitschrift aus dem Jahr 1947 mit folgender handschriftlicher Widmung für 180 € angeboten: „ "Herzliche Wünsche und Grüße, für Magda Popper, Erich Maria Remarque, Porto Ronco, 2. August 1948."