Ruggero Leoncavallo
Rainer Maria Rilke, Lyriker

1875-1926, geboren in Prag, Österreich-Ungarn, gestorben in Montreux

Sohn eines Eisenbahninspektors. Studierte Kunst- und Literaturgeschichte. Frühe Kontakte zu Franziska Gräfin zu Reventlow. 1905 Wanderjahre durch Europa. Bekanntschaft und Freundschaft mit Heinrich Vogeler in Worpswede, später auch mit dessen Schwiegersohn Gustav Regler. War 1906 für kurze Zeit Privatsekretär von Rodin. Bekanntschaft mit Hans Purrmann. Den Ersten Weltkrieg brachte er im Wiener Kriegspressequartier zu, wo er Jakob Hegner, Bernard Shaw, Kafka und Werfel begegnete. 1919 logierte er im "Grandhotel Brissago", in der „Aussicht, hier vielleicht ein kleines mietbares Haus zu finden“. Im "Castello San Materno" in Ascona wurde ihm von den Besitzern, den Bachrachs, ein Garagengebäude mit angrenzemden Hühnerhof angeboten, was ihm als zuwenig geeignet erschien. So verlebte er den Winter 1919-1920 im Grand Hotel Locarno und der Pension Villa Muralto. 1918 Affäre mit Claire Studer, der späteren Ehefrau von Yvan Goll. Über seine Eindrücke von den verschiedenen Ausflügen zitiert die Tessiner Zeitung: „Das Steigen war noch herrlich, aber je näher es dann an die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso heranführte, desto profaner wurde es; vor ihr oben blendete eine grosse elektrische Reflektor-Lampe, die die Stege hinüber beleuchten sollte, aber nur blendete, und innen war’s herzlos wie in einer Spiel-Uhr. Lieber Gott, das dürfte nicht sein, - eine solche Christnacht.“ Nach einem Ausflug in Brissago schrieb er: "Staunen Sie nun, mich schon wieder an der italiänischen Grenze zu sehen? Es ging nicht anders; ich musste die Hände noch einmal auf einen warmen Steinrand legen ... sah Eidechsen: Mimosen blühen, Orangen reifen langsam ...". Während seiner Locarneser Zeit befreundete er sich mit Alexej von Jawlensky und Ernst Krenek, er war Gast bei der Baronessa de St. Lèger auf den Brissagoinseln und äusserte sich über seinen Dichternachbarn Hermann Hesse drüben in Montagnola eher abschätzig: „Es rollt über ein Programm, man weiss ja schon, was kommen muss, und dass es so reinlich kommt, erzeugt eine gewisse solide Befriedigung, etwa, wie wenn man sich die Hände wäscht und man merkt, dass das Wasser trüblich wird und die Hände rein“. 1921 fand er seinen Wohnsitz im Château de Mouzot bei Sierre. Er starb an Leukämie. www.rilke.de
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 157/7, vom September 1973, Auf Rainer Maria Rilkes Spuren, Erinnerungen von Wolfgang Hartmann: „Im Castello, das die Piazza von Ascona abschliesst, bewohnte in den Zwanzigerjahren der inzwischen berühmt gewordene und in Wiesbaden verstorbene Maler Alexej Jawlensky zusammen mit seiner Weggefährtin Marianne von Werefkin, Schwester des zaristischen Gouverneurs des Baltikums, das obere Stockwert. Dort trafen sich die Freundes des Künstlerpaares. Unter ihnen befand sich auch Rainer Maria Rilke, der gelegentlich vom nahen Locarno herüberkam. Er sass gerne in der Ofenecke, sah leidend aus, folgte aber aufmerksam unsern oft äusserst lebhaften Diskussionen. Selten beteiligte er sich am Gespräch. Und erhob er einmal zu unser aller Freude seine leise Stimme, dann verstummten wir andern und lauschten seinen Worten.
Wir wussten, dass Rilke nach einem Refugium am Lago Maggiore Ausschau hielt. Und da die Bachrachs und Eltern der damals gefeierten Tänzerin Charlotte Bara neben ihrem Schlösschen San Materno ein möbliertes, gerade unbewohntes Gästehaus besassen, unterbreitete Jawlensky seinem damaligen Mäzen die Bitte Rilke aufzunehmen. Die Zusage erfolgte spontan, und es wurde auch gleich der Tag der Besichtigung mit dem Dichter vereinbart.
An einem der nächsten Nachmittage erwartete der Schlossherr im Hofeingang seiner Besitzung. Wir gesellten uns zu ihm nach der Teestunde. Es begann bereits zu dämmern, aber noch immer liess sich der Dichter nicht sehen. Hatte er vielleicht das Postauto verpasst und war nun zu Fuss unterwegs? Oder vielleicht erkrankt? Aber dann hätte Rilke korrekt wie er war, rechtzeitig telefonisch abgesagt.
Wir standen im Hof und berieten, was der Grund des Ausbleibens des als pünktlich bekannten Poeten sein könnte. Und während wir so beratschlagten, was wir unternehmen sollten – es war inzwischen völlige Dunkelheit eingebrochen, bis auf eine Ampel, die ein spärliches Licht auf das Schlosshofinnere warf – betrat ein Mann den Platz und nähere sich langsam unserer Gruppe.
Herr Bachrach, vom langen Herumstehen ärgerlich geworden, fuhr den Näherkommenden des Glaubens, es handle sich um den gleichzeitig erwarteten säumigen Elektriker, der etwas zu reparieren hatte, unsanft an, wobei er ihn wegen seiner Saumseligkeit mit Vorwürfen bedachte.
Vor dem Erzürnten stand aber nicht der Monteur, sondern Rilke. Der Dichter, den wir jetzt, nachdem er aus dem Schlagschatten der Ampel sich entfernt hatte, erkannten, machte kurz entschlossen kehrt und verliess in schnellen Schritten den Hof wieder. Herr Bachrach eilte, als er seinen Personenirrtum erkannt hatte, nach und bemühte sich, Entschuldigungen stammelnd, die fatale Verwechslung aufzuklären. Doch gelang es ihm nicht – den verschreckten Dichter zur Umkehr zu bewegen.
Anderntags erreichte den bestürzten Schlossherrn eine Briefkarte, auf der Rilke seinen Verzicht mit den Worten begründete: „Es will mir scheinen, als waltete ein Unstern über meinem gestrigen Vorhaben. Und darum wage ich nicht, bei Ihnen zu wohnen –„
Der Münchner Kreis des zu jener Zeit unproduktiven Rilke war äusserst klein. Dort lebten Regina Ullmann und ihre Freundin und heutige Biographin Ellen Delp, ferner Gertrud Ouckama Knoop mit ihrer dann so tragisch endenden Tochter, Karl Wolfskehl, die Brüder Heinrich und Thomas Mann, Bruno Walter, Oswald Spengler, Ludwig Klages, sieben Jahre musste Rainer Maria Rilke auf die Vollendung seiner auf Schloss Duino, dem Besitz der Fürstin Maria von Thurn und Taxis-Hohenlohe, begonnenen Duineser Elegien warten. Erst am 11. Februar 1922 konnte der Dichter an die mit ihm befreundete Lou Andreas-Aalomé vom Château de Muzot im Wallis, wohin er ein Jahr zuvor übersiedelt war, schreiben:
„In diesem Augenblick, diesem, Samstag um sechs, leg ich die Feder hinter der letzten vollendeten Elegie, der zehnten, beiseite. Ich habe übersehen dürfen bis dazu hin. Durch alles. Wunder Gnade - - -„
Und schon wenige Wochen später darf Rilke den ersten fünfundzwanzig bereits vorhandenen Sonetten an Orpheus weitere folgen lassen und damit den Gedichtband abschliessen. Ein verwandelter und zugleich ein Verwandler war aus dem „Reich des Schweigens“ erwacht, um noch ein letztes Mal die Menschheit singend zu grüssen.“