Ruggero Leoncavallo
Albert Rittmeyer, Maler

1889-1959, geboren in Chemnitz, gestorben in Ascona

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 40/1, vom 18. April 1959, In memoriam Albert Rittmeyer, von Jo Mihaly: „Hinter Bambus und den letzten schönen Bäumen des Saleggi, fast verborgen in grüner Wildnis, erhebt sich Dein Haus: „Al fium vecc’“. (Später wohnte André Bucher in diesem Haus.) Du hattest den Namen in einen grossen Maggiastein gegraben, der im Farm vor Deinem Hause lag. „Zum alten Fluss….“ Vor Jahren schäumte dort die Maggia. Sie ist weitergewandert. Der Wasserrückstand im Graben trocknete ein, nichts als sandiger Grund, ein Bett von versunkenem Geröll blieb zurück. Darauf gründetest Du Deine Welt. – Woher kamst Du, lieber Freund? Man hört, Du wärest vor 60 Jahren in Chemnitz, Sachsen, geboren. Dort lebte Dein Vater Arnold Rittmeyer als Kaufmann. Dich die Rittmeyer sind ein altes St. Galler Geschlecht und als Du mit dreizehn Jahren samt Deiner Familie nach St. Gallen übersiedeltest, war es nur eine Heimkehr.
Es gehörte zur Tradition, dass Du Dich den Handelswissenschaften zuwandtest, - junger Mensch, der Du warst, noch unentschieden in dem, was Du später als Deine Berufung erkanntest. In Paris, erfahren wir mit Staunen, übernahmst Du einmal ein Hotel in eigene Regie. Welch’ sonderbarer Umweg, und doch entsprach er Deiner Liebenswürdigkeit, mit Freunden und Fremden gleichermassen artig umzugehen. Du verliessest das Paris des Gastgewerbes, als Du das Paris der Künstler entdecktest. Es war Florenz, das Dich lockte. Die grossartige Stadt wurde Deine Lehrmeisterin. Du lerntest malen, nachdem dies Talent schon in Deinem Grossonkel Emil Rittmeyer aufgebrochen war.
So, mit neuen Gaben ausgestattet, kamst Du in die Heimat zurück. Doch nicht mehr nach St. Gallen (dennoch verliessest Du es nicht; Deine hervorragende Treue zog Dich stets helfend und beratend zu Deiner Familie). Die Farben, die Luft, die heitere Freiheit des Südens hatten es Dir angetan. Du erwarbst neues Bürgerrecht im Tessin. In Ascona. Bautest das Haus, dessen Fundament sich Dir bot. Warst Herr und Diener des „fium vecc’“.
- Diener? Gewiss. Wir sahen Dich mit Deinen Handlangern und Gärtnern zusammenarbeiten. Dein alter, magerer Knabenkörper wurde von der heftigen Sonne dunkel gegerbt. Dein Haar, mit den Jahren schneeweiss geworden, buschte sich zu einem drolligen Moritz-Schopf über hellen Augen, die voll Lachens standen. Halbnackt, in verstaubten Arbeitshosen, immer in Zoccoli, werktest Du am Grundstück, das Du zu einem Atelierhaus erweitertest. Sahst Dich funkelnden Blicks im Garten um – siebtest Kies auf sauber geglättete Wege, ebnetest, was die tropische Wildheit unserer Regenfluten verdarb, pflanztest, rodetest, hütetest die Schwalben im Nest - - um dann, wenn es Dich packte, vor die Staffelei zu treten und zu malen.
Deine Palette war südlich. Die Landschaft des Tessin erstand auf Bildern, die den Weg in unsere Ausstellungen fanden. Voll Humor hast Du einst darüber geschrieben: „Keins meiner Werke hängt meines Wissens in einem Museum (vorerst!), wenige in Privatgemächern (ausser bei mir selbst). Gemalt habe ich i St. Gallen, Nesslau, Genf, Bern, Zürich, Ronco, Florenz, Lenzerheide, Carona, Chioggia, Ascona und einigen Orten mehr: Portraits, Landschaften, Stilleben!“
Du warst unendlich bescheiden. Um das zu erfahren, musste man mit Dir vor Deine Bilder treten! Halb kritisch, halb verlegen glitt Dein Blick drüber hin. Niemals erzwangst Du eine Anerkennung. Ob Du sie insgeheim brauchtest, liessest Du nicht erkennen.
Heiter empfingst Du einige auserwählte Freunde, versammeltest Sie an milden Abenden am Tisch im Garten, an kühlen in der wohltuenden Stille und Gepflegtheit Deiner Behausung. Zierlich serviertest DU den Kaffee in einer alten, feinen Kanne, gossest ihn in alte, feine Tassen. Vor der Haustür, in der Sonne, standen sorgfältig abgestreift Deine Zoccoli. Als du fern vom „fium vecc’“ in einem Hotelzimmer plötzlich den letzten Atemzug tatest, standen die Zoccoli noch lange vor Deiner Tür. Der Blick auf diese zurückgelassene Kleinigkeit Deines Alltags rührte ans Herz.
Da der Mensch aber viele Facetten hat, in denen sein Wesen aufzublitzen vermag, ist es nicht verwunderlich, dass Deine Persönlichkeit auch andere Aspekte aufzuweisen hatte: Heftige, aufbegehrende. Du ergrimmtest über erkanntes Unrecht, ereifertest Dich. Lustig stieg Dein weisser Haarschopf in die Höhe vor Zorn; einem famosen Kampfhahn sahst Du nicht unähnlich.
Dein nobler Charakter befähigte Dich, eine wichtige Funktion im lange brachliegenden Kulturleben unseres Dorfes auszuüben. Im Jahre 1947 warst Du unter den Gründern der „Amici delle Belle Arti“. Du wurdest dessen Vice-präsident, Sekretär und Kassier. Es wird schwer sein, ein Organisationstalent wie das Deine für eine so verantwortungsvolle Arbeit, wiederzufinden. Ich will nicht das grosse Wort „unersetzlich“ gebrauchen, – Du seiest unersetzbar; denn so gütig ist das Leben trotz allem, dass es für einen gesunkenen Baum einen neuen aufwachsen lässt. Aber wir werden Deinen Rat, Deine Unbestechlichkeit, Deine kecke Initiative dringend brauchen, und Du wirst nicht da sein! Wir wissen, was wir verloren haben.
Tausend Dank, Alberto Rittmeyer, für Deine Freundschaft für Ascona; für uns, die Dir nahe standen; für Deine vornehme Bemühung um Viele, die wir nicht nennen wollen; für Deine Arbeit am kulturellen Leben unseres Dorfes!
Der Maggiastein mit Deinen Zeichen „al fium vecc’“ liegt noch vor Deines verlassenen Hauses Tür, und erste Primlen wachsen darum auf. Vor der Erinnerung an Dich liegt unsere Hochachtung, unsere Liebe und unser Dank.“

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 19, vom 21. Juli 1956, Asconeser-Künstler, von A. Rittmeyer: „Die Mühe, die sich andere geben, belohne durch die eigne Mühe“. Also! – Das Ferien-Journal bringt laufend Kurzbiographien über die Asconeser Künstler. Auch meine, meint der Herausgeber, dürfe nicht fehlen. Aber: wer kennt mich schon! Wer weiss, was ich tat, wo ich’s tat, wie ich’s tat! Wann, warum und so weiter! Wie soll man mich darstellen und interpretieren! – Für mein effektives Alter bin ich reichlich grau im Haar und eher zu mager. Erbanlage? Schleichende Krankheit? Einer meiner Neffen nennt mich „den glatten Onkel.“ Aber so glatt bin ich auch wieder nicht: fragen Sie die Leute, die mir Geld schulden! Und Unnahbarkeit hat man mir auch schon vorgeworfen. (Das ist lt. Tiefenpsychologie-Lehrsatz Nr. 74/391 – natürlich „Selbstschutz“). Ich bin weder verheiratet noch habe ich Kinder. Immer wieder gibt es Leute, die mich deswegen bedauern; andere beneiden mich darob. Und immer wieder – bei Eröffnung einer Ausstellung z.B., in welcher auch von mir zwei Helgen hängen – findet jemand den einen davon „Zauberhaft“, „interessant im Aufbau“ oder einfach „seeehrr schön“. Verkauft wird keiner von beiden und ich kann sie nach Schluss für eine Ausstellung an anderem Orte wieder gebrauchen. Das ist sehr praktisch: wird man denn für jede neue Ausstellung ein paar frische Helgen malen um nachzuweisen, dass man nebst anderem auch noch fleissig ist? Fleissig bin ich übrigens wie mir alle Arbeitgeber stets bestätigen. Schon meine Grossmutter war dieser Ansicht. Ist die Non-Vente meiner Bilder etwa eine Frage meiner hohen Preise? Letztere setze ich grundsätzlich nach der Meinung von Kollegen fest. Offensichtlich ist diese eine hohen von mir.
Gemalt habe ich immer gerne und Maler zu werden beschloss ich – mit 16 Jahren – bei der Vernissage der Gedächtnisausstellung, die meinem Grossonkel Emil galt. Dass Väterchen nicht sollte und’s anders (... erst später aber doch so....) kam, steht in fast allen Künstlerbiographien. Letztere, besonders von Lebenden, werden meist nur aus Neugier (m.a.W „zwecks Bildung“) gelesen; ähnlich wie Kriminal-Chroniken. Das gehört zur Aufklärung und liefert mondänen Gesprächsstoff. Keines meiner Werke hängt m.W. in einem Museum (vorerst!), wenige in Privatgemächern (ausser bei mir selbst). Gemalt habe ich in St. Gallen, Nesslau, Genf, Bern, Zürich, Ronco s.A., Florenz, Lenzerheide, Carona, Chioggia, Ascona und einigen Orten mehr: Porträts, Landschaften, Stillleben. Ich habe auch noch anderes getan: Zimmer und Eisengitter angestrichen. Eine gewisse Allgemeinbildung kann man mir dabei nicht absprechen: ich kann schwimmen, Velo- und Autofahren, spreche unsere Landessprache leidlich, weiss was eine Quiche lorraine ist (kann sie auch herstellen) und so weiter. – Im Übrigen entsinne ich mich gerne eines Wortes von Alaine (Emile Auguste Chartier: 1868 – 1951) und teile seine Meinung: „Je weniger man von Alain spricht, desto leistungsfähiger und freier wird Alain sein.“ Er hat auch gesagt – punkto Berühmtheit – „Leute, die es ärgert, nicht zu sein, haben och gar nicht versucht zu sein; sei versuchten nur, zu scheinen“. Alain, Wilhelm Busch und ich zählen im Grunde zu den Moralisten. Ich bin eher Maler als Graphiker. So überlasse ich die graphische Darstellung meiner selbst einem Schüler meiner Nichte Christa. Hier das Opus - !“