Ronco sopra Ascona, Fontana Martina

Aus „Erinnerungen“ von Heinrich Vogeler, der zusammen mit Fritz Jordi von 1931 bis 1932 die Halbmonatsschrift "Fontana Martina" herausgab: "Das verlassene Dorf liegt nahe bei Ascona, auch nahe der italienischen Grenze an dem steilen Berghang über dem Lago Maggiore. Unten am felsigen Uferrand führte die Landstrasse hin. Von der Strasse aus muss man auf sehr steilen Wegen durch verwilderte Weinberge hochklettern, die jetzt meist Wiesen für Ziegen sind. Verwachsene Terrassierungen sind noch vorhanden. Der schmale Weg hat manchmal Treppestufen aus zusammengelegten Steinen. Schädlinge, Ungeziefer hatten einst die Weinstöcke vernichtet. Vereinzelt sieht man noch Pfirsichbäume, aber nur kranke mit verkümmerten Blättern. Die Bewohner des Dorfes Fontana Martina wanderten einst nach Amerika aus, und liessen am Berghang ein leeres Dorf zurück, das langsam zerfiel, sehr langsam, denn die Bauten zeigten eine derartige Solidität, als seien sie nicht von Bauern, sondern von erfahrenen Bauarbeitern errichtet. So war es auch, denn die Vorfahren waren Bauarbeiter gewesen, die einst bei den Palastbauten in Norditalien ihr Handwerk ausgeübt und nicht nur ihr technisches Können, sondern auch ein auffallend kultiviertes Raumgefühl bei ihrem Hausbau in Fontana Martina zum Ausdruck gebracht hatten. Dies erweckte bei uns sehr bald ein sympathisches Gefühl, als wir die längst verödeten Räume betraten. Alle Häuser sind aus schweren Bruchsteinen ausgeführt und auch mit grossen flachen Bruchsteinen eingedeckt, die einen starken Dachstuhl benötigten. Meistens sind es Etagenhäuser, die am Steilhang hochschiessen. Treppen gibt es aber in den Häusern nicht. Dafür hatten die Bauleute kühn geschwungene Brücken vom höher gelegenen Felsenhang aus Bruchsteinen geschlagen, die direkt auf die Eingangstüren des ersten oder zweiten Stockes mündeten. Darunter läuft dann die Strasse zu den Eingängen der Parterrewohnungen durch. Von dem Gewirr der Steintreppen, die im Gelände hinaufführen, lässt man sich gern verleiten, an einzelnen Stellen eines der massiven Steindächer zu betreten (sie wirkten unter meinen Füssen wie ein Stück Berg); denn von hier hat man einen weiten Blick über den See mit einer Insel. Alle Räume der Etagenhäuser haben ihre wenigen, aber grossen Fenster nach Süden, dem See zu. In den Parterreräumen gab es manchmal geheimnisvolle Treppen, zu denen niedrige Eingangslöcher hinter den Kaminen führten. Jeder musste das dunkle Loch für eine leere Brennholznische halten, betrat man aber gebückt die erste Platte, so führte eine gewundene schmale Steintreppe nach unten. Diese lief überraschenderweise plötzlich in einen ganz hellen gewölbten Kellerraum aus, durch dessen rundbogige Türöffnung die Sonne schien, und durch die der Blick auf efeuüberwuchertes altes Terrassengemäuer fiel. In einem Hause führte die Treppe in dunkle Nacht. Nur an einer Stelle, die an den Bach grenzte, liess die morsche, halb abgesunkene Ausgangstür etwas Licht durch dichte Efeuranken dringen. Wir stiessen die Tür auf und waren umflattert von Fledermäusen. Man konnte jetzt erkennen, dass wir uns in einem Stall befanden. Diese romantischen Einrichtungen müssen wohl einmal Grenzschmugglern einen passenden Unterschlupf geboten haben. In der höheren Dorflage gab es auch ganz kleine Einzimmerhäuser, eine Etage hoch, mit eingebauter Treppe. Im Parterre unter dem Zimmer befand sich der Eselstall in gleicher Grösse wie die Wohnung."
Bei Jonny Rieger, er schrieb hier "Ein Balkon über dem Lago Maggiore", liest sich die Beschreibung von Fontana Martina poetisch: "Wie kleine Blütenblätter schwimmen die zwei Brissago-Inseln vor mir im See. Und weit drüben, in der Ferne des jenseitigen Ufers, wachsen die Berge wieder auf, fast zweitausend Meter hoch, zum Gambarogno-Massiv. Da unten rechts liegt Brissago, da fängt schon Italien an. Und dann wandert der Blick weiter, weiter und weiter nach rechts, weiter nach Italien hinein, bis nach Cannobio und Luino und Porto. Und dann wende ich den Kopf in östliche Richtung und sehe über Ronco und Ascona und Locarno bis Bellinzona und bis zu dem noch schneebedeckten Gipfel des Monte Vogorno. So, und jetzt wird es dunkel, schweres warmes Dunkel senkt sich herab, und von allen Seiten tauchen die unzähligen Lichter der Ortschaften auf, glitzern und flimmern und spiegeln sich kokett im See. Und aus der nun blauschwarzen Wildnis unter mir ertönt das gespensterhafte Pfeifen der Siebenschläfer. Da stecke ich eine Stearinkerze an, und noch eine, und noch eine dazu, damit es richtig festlich wird. Dann schenke ich mir ein Glas Rotwein ein und trinke köstlich langsam, lasse Schluck für Schluck auf der Zunge schmelzen, während ich über den nachtdunkeln See hinaus träume. Und alle Götter lächeln mir zu. - Ich bin der glücklichste Mensch Europas."