Fritz Rotter
Fritz Rotter, Autor und Komponist

1900-1984, geboren in Wien, gestorben in Ascona

Rotter verfasste bereits mit 17 Jahren Kabaretttexte und -chansons. In den 20er Jahren zog er nach Berlin, wo er Schlagertexte schrieb und Filmmusik und -lieder komponierte, z.B. "Veronika, der Lenz ist da", "Wenn der weisse Flieder blüht". 1933 musste er als Jude Berlin verlassen und ging zurück nach Österreich. Als 1936 die Faschisten auch dort an die Macht kamen, emigrierte er nach England, später in die USA, wo er die Drehbücher zu zahlreichen Filmen schrieb. Nach dem Krieg kehrte er nach Europa zurück. Seinen Lebensabend verbrachte er in Ascona. Rotter soll an die 1'200 Liedertexte geschrieben haben.

In der "Südschweiz" vom 30. Juli 1983 schrieb Walter A. Stämpfli und dem Titel "Eine lebende Legende":


Wenn Ihr mich besuchen kommt,

bringt mir keine Blumen mit,

auch keine Vase

und keine Bonbonniere für meine Frau.

 

Ihr könnt auch so bei mir essen,

und erspart Euch heimlich zu rechnen,

ob sich der Besuch

mit dem Trinkgeld für das Mädchen

überhaupt rentiert hat...

 

Es soll für Euch

Eine kleine Ersparnis sein!
Sonst bildet Ihr Euch ein,

für dasselbe Geld hätte man’s zu Hause

viel gemütlicher gehabt...

 

Denn man muss sich nicht selber sagen:

es war wunderschön,

und das Essen war ausgezeichnet,

und die Wohnung ist ein Museum...

Wenn Ihr mich besuchen kommt,

 

bringt mir also bitte nichts mit!!
Denn ich weiss, dann werdet ihr das nächste Mal

viel lieber zu mir kommen...

Vollkommen Recht habt Ihr!

 

Und wir brachten nichts mit – fast nichts. Jedenfalls keine Blumen, keine Vase und auch keine Bonbonniere. Wir, das sind „Südschweiz-Redaktorin“ Ursula Schilling und meine Wenigkeit. Mitgebracht haben wir allerdings Schreibblock, Bleistift und Kamera. Nicht als Geschenk, wohlverstanden, sondern als Arbeitsgeräte. Denn geladen waren wir von jenem Mann, der einst solche und andere Texte schrieb. Songs und Lieder komponierte und damit im Verlaufe seines Lebens auf die schier unglaubliche Zahl 1'200 kam. Apostrophiert wird der charmante Gastgeber als „Ein Fürst der leichten Muse“. Sein Name: Fritz Rotter.

Pünktlich, wie es sich gehört, schritten wir auf das Haus in Ascona zu, in dem Fritz Rotter und seine „Mausi“ wohnen. Ebenso pünktlich wurden wir aber auch erwartet, denn die Türe stand schon weit offen. Mit einem verbindlichen Lächeln, offen und einladend, hiess und die Gastgeberin willkommen.

In der äusserst geschmackvoll eingerichteten Wohnung, reichlich mit Blumen und Bildern von Otto Bachmann verziert, fühlten wir gleich die herzhafte Atmosphäre, die von dem Ehepaar ausging. Sie hatte nichts Gekünsteltes oder Geflunkertes, oder überbordende Schöngeisteleien gegenüber Pressevertretern, die wir in unserer Jahrzehntelangen Erfahrung leicht erkannt hätten. Rotters gaben sich schlicht wie Menschen, die sich auf die Gäste freuten.

Obschon die Rotters seit 23 Jahren in Ascona leben, mühen sie sich nicht um das „Highlife“ gewisser Kreise. Fritz Rotter weiss auch ohne belanglosen Party-Ruhm, dass er in seinem Leben etwas geleistet hat. Schon zu Lebzeiten ist der Komponist und Textdichter, Revuelibrettist und Romanschriftsteller, Drehbuchautor und Bühnenautor, der auch viel Gazetten-Lyrik geschrieben hat, zu einer Legende geworden.

Unvergesslich sind seine Lider, Schlager und Songs. Und selbst wenn uns die Titelnennung seiner Hits nostalgisch anmutet, vertrauen wir uns ihr doch einmal an. Nicht weil es Mode ist, sondern weil man aus Schlagern und ihren Trivialitäten oft mehr über eine Zeit erfahren kann, als aus den Manifesten die sie begleiten. „Weißt du noch...“,  „Lass die Welt darüber reden“, „Ich küsse Ihre Hand Madame“, „Ich glaub nie mehr an eine Frau“, „Liebe war es nie“, „Einmal sagt man sich adieu“, „Ich hab mich so an Dich gewöhnt“ und „Wenn der weisse Flieder...“, sind nur ein paar von Fritz Rotters Erfolgen.

Allein von seinem Slowfox „That’s all I want for you“, wurden drüben in den Staaten, wo sich der 1901 geborene Wiener aufhielt, 3,5 Mio. gekauft. Nicht schlecht, werden Sie denken, und die nicht mehr ganz jungen Songfreunde werden sich plötzlich daran erinnern, dass der Name Fritz Rotter eng verbunden war mit Stolz und Lehar. Dass der just in der Berliner Theaterganzzeit flügge gewordene Fritz für den berühmten Tenor und Operettenheros Richard Tauber komponierte.

Der „Handkuss“ mit Tauber wurde inzwischen in einer Auflage von rund zehn Millionen Stück verkauft. Und Billy Wilder, einer jener grossen Wiener Hollywood-Regisseure, hat 1948 einen Film mit demselben Titel gedreht. A propos Wilder: der verstorbene Schöpfer von „Reporter des Satans“, von „Sabrina“ und „Das verflixte siebente Jahr“, war zu der Zeit, als Rotters Breitenerfolge begannen, noch Reporter der „Berliner Nachtausgabe“. Der Wiener Billy hat nun den etwas gleichaltrigen Wiener Fritz nach dem Erscheinen der Tauber-Platten für seine Zeitung interviewt.

Später begegneten sie sich in Hollywood wieder, nachdem sie von politischen Tücken in Deutschland fliehen mussten. Bis zu dieser Zeit hatte Rotter für Hans Albers die ersten Songs, für Marlene Dietrich und Harry Liedtke einen Filmstoff geschrieben.

Titel? „Ich küsse Ihre Hand Madame“! Der „weisse Flieder“ war erstmals verfilmt worden. (Für das Remake nach dem Kriege schlug Rotter übrigens dem Regisseur Hans Deppe, Romy Schneider vor, Es wurde ihre erste Rolle).

Mitten aus seiner Erfolgskurve wurde er hinausgeschleudert. Bittere Monate in den USA folgten. Rotters Lieder und Songs klingen elegant, melodiös, sie haben immer Herz und Charme des Wieners. Er ist kein Exzentriker aus der Hüfte wie es Elvis Presley war, kein Cool-Jazzer, kein Hot- und kein Swing-Spezialist.

Trotzdem die unbarmherzige Traumfabrik mit ihren anderen Gesetzen herrschte, Rotter auch sprachliche Nuancierungen zu überwinden hatte, kletterte er allmählich wieder empor. Er entwarf Film-Treatments, arbeitete mit an Drehbüchern, und im Laufe der Jahre sind nach seinen „scripts“ in Hollywood allein ein Dutzend Filme gedreht worden, darunter William Dieterles „September Affair“ mit Joan Fontaine und Joseph Cotten.

Zurück in Europa wurde Rotter bekannt durch die Film-Industrie. Das verdankte er Erich Pommer. Für das Drehbuch (mit Käutner) zu „nachts auf den Strassen“ (Albers, Knef) erhielt er 1951 den Bundesfilmpreis. Er hatte vorher den Illustriertenroman verfasst.

Als Bühnenautor brachte sich Rotter im März 1952 erstmal wieder in Erinnerung, als in Stuttgart sein Schauspiel „Christine“ uraufgeführt wurde. Freilich datiert sein bislang stärkster Theatertriumph aus dem Jahre 1941. Kurz nach Pearl Harbour war er am New Yorker Broadway mit einer Empörungswelle verbunden, die für die Amerikaner heute als entschuldbar gelten darf.

Die Entwicklung hat die Auffassung des Autors voll gerechtfertigt, denn in dem Schauspiel „Briefe nach Luzern“, das nach einigen Wochen abgesetzt wurde, verneint Rotter die Kollektivschuld der Deutschen. Grete Mosheim spielte in dem Ensemble des Mädchenpensionats das deutsche Girl. Der Erfolg in andern US-Grosstädten war nicht aufzuhalten.

Musik und Texte sind heute noch seine Welt. In ihnen und mit ihnen lebt Fritz Rotter noch intensive Stunden. Und wenn Fritz Rotter heute sagt, dass er das Komponieren und Textdichten so betreibe wie man Tennis spiele, dann liegt darin keine Verachtung der leichten Muse. Er wehrt sich dagegen, dass man hierzulande gerne diesen Genre mit einem Achselzucken abtut und er hält es mit den Amerikanern, die im allgemeinen bei ihren besten „Schlagern“ die Lebenswirklichkeit nicht ganz vergessen und weniger lügen. Und Rotter ist auch als Lyriker, etwas zynisch und etwas skeptisch geblieben: Lass die Welt darüber reden...