Ruggero Leoncavallo
Armand Schulthess, Enzyklopädist

1901-1972, geboren in Neuenburg, gestorben in Auressio

Eigentlich Alfred Fernand Armand Dürig. Er wuchs als Adoptivkind im Neuenburgischen Colombier auf. 1910 Umzug nach Zürich, kantonale Handelsschule, Lehre als Spediteur. Arbeit in Zürich, Genf, in Holland und Österreich. Ab 1939  Tätigkeit bei der Bundesverwaltung, Sektion Ein- und Ausfuhr. Schulthess erwarb 1941 ein Rustico in Auressio, Valle Onsernone, und kaufte sukzessive weiteres Land dazu. 1951 zog er sich auf eigenen Wunsch aus dem Bundesdienst zurück und übersiedelte ins Tessin, um fortan das zu tun, was ihm beliebte – es entstand auf 18'000 Quadratmetern eine "Enzyklopädie im Wald". Schulthess war zwei Mal verheiratet, beide Frauen verliessen ihr wegen Geldnot. Eine Tochter starb im Kindsalter. 1972 wurde Armand Schulthess tot in seinem Garten aufgefunden. Im darauf folgenden Sommer zerstörten verständnislose Erben sein einzigartiges Gesamtkunstwerk. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Auressio.

In seinem "Spätwerk" schrieb Max Frisch, der in Berzona im Valle Onsernone lebte, darüber, dass seine Inspiration für die Niederschrift von "Der Mensch erschrint im Holozän" Armand Schulthess war: „Es gab in dem Tal einen Mann namens Armand Schulthess, ehedem ein Beamter, ein Eremit, der jetzt, im Alter, plötzlich alles wissen wollte. Er schrieb das alles auf Blechdosendeckel und nagelte diese an die Baumstämme auf seinem Gelände. Wenn man sich näherte, warf er mit Steinen, er wollte einsam sein in seinem Enzyklopädie-Wäldchen.“

Ingeborg Lüscher forschte drei Jahre lang auf seinen Spuren und stellte sein Werk unter dem Titel "Der grösste Vogel kann nicht fliegen" 1972 an der "documenta 5", Abteilung "Individuelle Mythologien" in Kassel aus.

1974 fand an den Solothurner Filmtagen die Uraufführung des Dokumentarfilms "Armand Schulthess: j'ai le téléphone" statt. Dieser 16 mm-Film erschien – viersprachig und restauriert – 2011 als DVD mit Bonusmaterial, er kann hier bestellt werden: www.film-schlumpf.ch. Unter derselben Anschrift wird auch das Buch "Armand Schulthess – Rekonstruktion eines Universums", von Hans-Ulrich Schlumpf, 400 Seiten, 460 Abbildungen, ISBN 978-3-3905509-93-9, angeboten.

Im Jahr 1996 gab Markus Britschgi im Luzerner Diopter Verlag das Buch "Armand Schulthess 1901-1972" heraus - eine Hommage an Leben und Werk von Schulthess. Theo Frey in der Neuen Zürcher Zeitung vom 21.7.1968 (Auszug): "Wissenschaft auf Blech - Eine merkwürdige Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens im Onsernonetal. Armand Schulthess, 1939-51 Bürogehilfe in der Kanzlei des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements zu Bern. So lautet eine über dem Hauseingang angebrachte Inschrift dem zufälligen Wanderer zur Information, der bei Auressio den talwärtigen Seitenweg einschlägt und an die "Casa Schulthess" - oder "Casa Reggio" gerät. Der 64jährige Einsiedler trägt neuerdings eine schwarze Kutte. Wohin man blickt - und sein Grundstück ist nicht etwa klein! - glitzern an Stämme genagelte und an Ästen hängende Blechstreifen und Böden von Konservendosen - über und über beschrieben. Es mögen Tausende oder noch mehr solcher Traktate, Hinweise auf Erfindungen und Register sämtlicher menschlicher Leistungen, von Steinbeil bis zum Sputnik sein, die herumbaumeln und dahinrosten.  Es steckt System hinter der Beschriftung der Baumgruppen: eine von vielen ist den Opernkomponisten und -sängern reserviert, eine andere den Erfindern und Erfindungen, die dritte dem Liebesleben ... Was je von Ingenieuren erfunden, von Musikern komponiert, von Naturwissenschaftlern entdeckt wurde - auch die Daten der Menschheitsgeschichte von Dschingis-Khan bis Hitler - sind im Freiluft-Lexikon vermerkt und dies in vier Sprachen."