Ruggero Leoncavallo
Elisabeth Schwarzkopf, Sopranistin

1915-2006, geboren in Jarotschin, Posen, gestorben in Schruns, Österreich

Einziges Kind der Elisabeth, geborene Fröhling, und des Gymnasiallehrers Friedrich Schwarzkopf. Sie nahm früh Gesangunterricht und spielte verschiedene Instrumente. Mit 13 Jahren sang sie in einer Schulaufführung die Eurydice. Debut 1938 als zweites Blumenmädchen in Richard Wagners Parsifal am Deutschen Opernhaus Charlottenburg. Ab 1942 Engagement an der Wiener Staatsoper. Schwarzkopf war Mitglied der NSDAP. 1953 Heirat mit dem Sänger Walter Legge. Elisabeth Schwarzkopf lebte von 1963 bis 1968 in Ascona. Sie schloss ihre Karriere als strenge aber gefragte Gesangpädagogin ab. Ihren letzten Liederabend gab sie 1979 in Zürich.

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 117/7, vom 7. September 1968, Asconeser-Künstler, Erlauschtes von Elisabeth Schwarzkopf, von Doris Hasenfratz: „Ascona verdankt seinen Ruf den Künstlern und Intellektuellen, die zwischen den beiden Weltkriegen und während des zweiten Weltkrieges den Ort zu einem internationalen Treffpunkt machten. Auch heute noch lassen sich immer wieder bedeutende Künstler und Persönlichkeiten hier nieder, obwohl Ascona mit seinem Ferienbetrieb nicht mehr der ruhige Ort von einst ist. Von den Musikern, die früher hier wohnten, ist Rolf Liebermann zu erwähnen, der heute Intendant des Hamburger Theaters ist. Langnese (er verstarb im vergangenen Monat) wohnte in Zürich, ebenso Chasen, der sich nicht mehr als Pianist, sondern als Manager des Zürcher Kammerorchester betätigt, das von E. de Stoutz geleitet wird. Nun hat auch Elisabeth Schwarzkopf, die fünf Jahre in Ascona wohnte, den Lago Maggiore gegen den Genfersee vertauscht. Ascona war ihr zu weit ab von den grossen Flugplätzen gelegen. Es wussten nur wenige, dass die grosse Sängerin ihr Domizil hier hatte, denn sie befindet sich den grössten Teil des Jahres auf Gastspielreisen.
Elisabeth Schwarzkopf studierte Gesang und Komposition an der Hochschule für Musik in Berlin. Ihre Lehrerin für Gesang war die inzwischen verstorbene Maria Ivogün, die lange Zeit als Star am Opernhimmel stand. Elisabeth Schwarzkopf gehört zu den wenigen Sängerinnen, die sowohl den Opern- wie den lyrischen Gesang pflegen. Die junge Generation spezialisiert sich meistens. Da ihr Mann Direktor der weltbekannten Plattenfirma Columbia ist, wird ihre Zeit ausserdem stark durch Plattenaufnahmen beansprucht. Erst kürzlich hat sie in Berlin einen Zyklus mit Hugo Wolf-Liedern für Aufnahmen gesungen. Als Konzertsängerin trat sie in der Schweiz zum ersten Mal nach dem Krieg anlässlich der Festspiele in Luzern auf. Sie sang in der „Missa solemnis“ von Beethoven unter Leitung von W. Futwängler.
Elisabeth Schwarzkopf sang ebenso gerne Opern wie Lieder. An ihren früheren Liederabenden hatte sie noch Edwin Fischer und Gieseking als Begleiter. Sie hat das Glück, heute wieder einen genialen Begleiter gefunden zu haben, nämlich den Australier Geoffrey Parson. Wie sie bemerkte fehlt es an guten Begleitern in diesem Fach.
Es gibt kein international berühmtes Opernhaus, an dem die Sängerin nicht gesungen hat. Die von ihr meist gesungenen Oper sind: Rosenkavalier, Don Giovanni, Zauberflöte, Cosi fan tutte, Figaros Hochzeit und Faust. Ihre Darstellung der „Marschallin“ aus dem Rosenkavalier gehört zu ihren klassisch gewordenen Leistungen. Verdi Opern stehen nicht auf ihrem Programm, weil sie der Ansicht ist, dass diese von Italienern gesungen werden sollten. Hingegen hat sie oft im „Requiem“ von Verdi gesungen.
Für neuzeitliche Musik fehlt ihr die Passion, obwohl sie den Liederzyklus von Menotti: Canti della lontanza, von ihm gedichtet und vertont gesungen hat. Ausser zu Menotti hat sie von den modernen Komponisten noch am ehesten zu Strawinsky, Britten und William Walton eine Beziehung.
Da sie manchmal von New York, nach, Paris, von Paris in die skandinavischen Länder, dann nach Australien, Japan, Neuseeland und wieder zurück nach Berlin oder London fliegt, frage ich sie, ob ihr der Unterschied in den klimatischen Verhältnissen nicht unangenehm sei. Sie verneinte dies und sagte, dass ihr der Zeitunterschied viel mehr zu schaffen machte, da dieser manchmal, z. Beispiel bei Neuseeland, 12 Stunden betrage. Sie brauche dann mindestens zwei Wochen, um sich daran zu gewöhnen.
„Mit dem Gesangsstudium wird man nie fertig“, bemerkte sie, man studiert sein ganzes Leben lang. Musik heisst für mich Können. Musik sollte die Menschen rühren, wenn ein Lied nicht das Gemüt der Zuhörer erfasst, dann ist es verfehlt. Ich finde, dass die moderne Musik mehr Verstandessache als Gefühlssache ist.“
Sie hält das englische Publikum für das aufgeschlossenste, kultivierteste Musikpublikum, die Wiener sind unberechenbar, da sie alle Darbietungen mit denen aus Wiens Glanzzeiten vergleichen. Das Publikum von San Francisco weiss die Liderabende sehr zu schätzen und ist sehr anspruchsvoll. Es wurde dort ein Liederabend mit Hugo Wolf Liedern von ihr gewünscht, den sie vor zwei Jahren zusammen mit Dietrich Fischer-Diskau bestritt.
In den Wintermonaten des vergangenen Jahres war sie ständig auf Tournée. Im Dezember in Budapest (Rosenkavalier), dann drei Galavorstellungen der gleichen Oper in Brüssel. Dann wieder eine Lieder-Tournée in den USA, dazwischen Plattenaufnahmen von Mozart zusammen mit Georges Szell, dann ein Gastspiel in Japan, im Mai eine Tournée durch skandinavische Länder. Im Juni an der Pariser Oper „Rosenkavalier“, der ihren Wunsch entsprechend, auf deutsch gesungen wurde. Seit vierzehn Jahren sing sie auch an den Salzburger Festspielen.
Trotz ihrer langjährigen Karriere hat sich an jeder Premiere noch Lampenfieber. Ihr Mann, der zugleich Konzertmeister ist, studiert alle Rollen und Lieder mit ihr ein und sie sagt von ihm, dass er „gefürchtete Ohren“ habe.
Auf die Frage, was sie von Pop-Musik halte, sagte sie, dass Pop-Musik ihrer Ansicht nach der Liebe zur Musik in starkem Masse Abbruch tue.
Wenn sie sich einmal Ferien gönnt, was nicht allzu oft der Fall ist, treibt sie Sport, Tennis und vor allem Bergwanderungen. Wenn es nach ihren Wünschen ginge, würde sie am liebsten alle vierzehn Tage mit dem Rucksack auf dem Rücken eine Bergtour unternehmen. Aber dazu fehlt ihr die Zeit.“