Ermanno Silzer, Violinist

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 40/1, vom 18. April 1959, Asconeser-Künstler, Ermanno Silzer: „Anlässlich der Gedenkfeier für den verstorbenen Maler Alberto Rittmeyer frugen wir Ermanno Silzer an, ob wir nicht über ihn einen Artikel schreiben könnten. Gerne, meinte er, und hier das Resultat:
Lieber Herr Roos,
Sie sind der Meinung, dass ein kleiner Rückblick über meine künstlerische Tätigkeit in Ascona nicht ganz uninteressant sein dürfte? Nun, ich bin mit Vergnügen bereit, einiges hierüber zu berichten:
Als ich vor fast dreissig Jahren von einer gnädigen Welle des Schicksals an die Gestade des Lago Maggiore angeschwemmt wurde, also gewissermassen noch in der prähistorischen Epoche Ascona, war dieses noch ein verträumtes Fischernest. Ohne Boulevards, ohne Kino, ohne Kongresshaus und fast ohne Fremdenverkehr. Im Café Verbano waltete die charmante Fede ihres Amtes und dort trafen sich viele der ortsansässigen Künstler, Dichter, Zigeuner und solcher, die es werden wollten!
So reich nun der Boden an Poeten und bildenden Künstlern war, so karg war er in musikalischer Hinsicht. Für meine ersten Konzerte musste ich mir meine Mitarbeiter immer von auswärts holen; da war es vor allem Rolf Langnese, der damals in Lugano lebte, der mir künstlerisch zur Seite stand.
Später gelang es mir mit Hilfe einiger Musikfreunde (Emil Ludwig, Clemens Oppenheimer, Fritz Schön, Dr. Paul Witzig, um nur einige zu nennen), einen intimen Kammermusik-Kreis zu gründen, in dem vor allem das Sreichquartett gepflegt wurde (dessen zweiter Geiger war mein Sohn und Schüler Giorgio, gegenwärtig Konzertmeister und Solist der städtischen Oper in West-Berlin und Primarius eines erfolgreichen Streichquartettes). Aber auch Klavier-Kammermusik mit A. Chasen kam zu Gehör.
Doch es kam der Krieg und die Nachkriegszeit, meine Mitarbeiter flohen über die Alpen oder übers Meer in nahrhaftere Gefilde, aus dem Streichquartett wurde ein Terzett, aus diesem ein Duo und schliesslich blieb ich allein übrig. Da man aber nicht immer nur Solo-Sonaten von Bach spielen kann (ich habe diese sämtlich in Ascona aufgeführt), tat ich mich mit namhaften Pianisten zusammen, mit Otto Vrieslander, Walter Lang, Walter Rehberg, mit denen ich unter anderem alle Mozart- und Beethoven-Sonaten für Violine und Klavier zyklisch spielte.
Ich durfte mich hierbei vor allem der Hilfe eines verehrten Freundes, Herrn P.R. Filippo Gut, erfreuen, der meinen Aufführungen nicht nur im Collegio Papio ein gastliches Dach bot, sondern als vortrefflicher Musiker und Pianist mir wiederholt als Begleiter zur Seite stand.
Diese meine musikalische Tätigkeit reicht aber schon in die gegenwärtige Entwicklungsperiode Asconas hinein, das inzwischen das glanzvolle Gewand eines eleganten Fremdenortes angelegt hat. Rauschende Fest-Wochen sind an die Stelle intimen Musizierens getreten, die Zeiten, da die Malerin Gerstfeld das Konzert-Entré mit einigen Eiern bezahlte („mehr haben die Hühner leider nicht gelegt“) und Papa Vester, mein treuester Konzertbesucher, jeweils ein köstliches Vesperbrot auf dem Altare der Kunst opferte, sind längst vorbei. Und ich spiele in Basel oder Barcelona öfter als in Ascona.
Und nun möchten Sie noch einige biografische Daten von mir wissen? Ich stamme väterlicherseits von Gelehrten und Juristen mütterlicherseits von Malern ab. Mein Urgrossvater war der Wiener Maler Jakob Alt. Ich studierte hauptsächlich in Wien bei Rosé und Sevcik, in dessen Meisterklasse ich das Konzertdiplom erwarb, ausserdem bei Marteau und Flesch. Ich war noch als junger Student Primgeiger bei den Wiener Philharmonikern, später Konzertmeister in Frankfurt und Saarbrücken, dann als Solist und Kammermusiker (Wiener Trio mit Dr. Egon Kornauth und Wolfgang Schneider) in Europa und Übersee tätig.
Das bewegte Leben des reisenden Künstlers ist schön und interessant. Aber am wohlsten fühle ich mich im Zaubergarten des Tessins, des Pedemonte in Verscio, dessen Bürger mich schon vor vielen Jahren zu einem der ihren gemacht haben. Und wenn ich hin und wieder künstlerisch zu Wort komme, so weiss ich wenig, war mir zu meinem Glück noch fehlt. Herzlich Ihr
Ermanno Silzer.
P.S. Ich bin übrigens damit beschäftigt, wieder einen kleinen Kreis von Interessenten zur Pflege intimer Musik, namentlich für die konzertlosen Monate zu bilden.