Ruggero Leoncavallo
Baronesse Antoinette de St. Lèger, Besitzerin der Brissagoinseln

1856-1948, geboren in St. Petersburg, Russland, gestorben in Intragna

In der italienischen Ausgabe ihres Buchs „The Vegetation on the Island of St. Leger in Lago Maggiore", das sie als „Madame Tzikos de St. Leger“ herausgab, machte die Baronessa biografische Angaben: "Tochter der Wilhelmine Bayer und des Alexander II Nikolaievich Romanov, Zar von Russland." Sie heiratete in Neapel den deutschen Konsul Jäger. Sie reiste viel, spielte Klavier - einer ihrer Lehrer war Franz Liszt, Richard Wagners Freund und Schwiegervater, - und sammelte Kunst. Nach der Scheidung von Jäger heiratete sie den irischen Diplomaten Baron Richard Flemyng St. Lèger. Aus klimatischen Gründen liess sich St. Lèger von Dublin versetzen und lebte mit der Baronessa zuerst in Intra am Lago Maggiore, dann in Muralto in der Villa "La Baronata". 1885, nachdem er eine grössere Erbschaft hatte machen können, kaufte der Baron die Brissagoinseln für CHF 25'000.- und machte sie zu seinem Wohnsitz. Die Baronin liess die grosse Insel "San Pancrazio" in einen exotischen Garten verwandeln und empfing gerne Künstler, Literaten,  Gelehrte und Wirtschaftskapitäne in diesem Paradies (James Joyce, Daniele Ranzoni, Rainer Maria Rilke, Cosima Wagner, die Witwe von Richard Wagner). 1886 gebar sie ihren Sohn Joan. Sie war die eigentliche Begründerin der Tessiner Künstler- und Intellektuellenszene. Die Baronessa führte ein extravagantes Leben. 1913 veröffentlichte sie in London ihr Tagebuch "The Vegetation on the Island of St. Leger in Lago Maggiore". Nachdem sie ihr Vermögen spekulativer Geschäfte und ihres exzessiven Lebensstils wegen verloren hatte, verkaufte sie die Inseln 1927 an den Hamburger Kaufmann Max Emden. Verarmt wohnte sie in der "Casa Moscia" in Ascona, ehemalige Mühle und Teigwaren- und Feingebäckfabrik "Bolongari-Pisani", das Emden für sie gekauft hatte. Vereinsamt wurde sie im November 1940 ins Altersheim „San Donato“ in Intragna gebracht, wo sie auf ihren Tod warten musste. Sie korrespondierte mit Ernst Geiger, der sie finanziell unterstütze. Ihr Grab befand sich in Intragna, nichts weist heute mehr darauf hin. 1972 wurden ihre sterblichen Überreste auf die grosse Insel überführt. "Sie war nicht nur Herrin der Insel, sondern auch eine eindrückliche Persönlichkeit, die 43 Jahre hindurch jedes Wesen, das in ihren Bannkreis kam, in Atem hielt, eine Frau, die schon zu ihren Lebzeiten von der Legende umhüllt war." Giuseppe Mondada verwies in seinem „Le Isole di Brissago“ auf zwei Zeitzeugen der Baronessa: „Im April 1920 stiess Harry Graf Kessler auf die Insel, der in seinem Tagebuch ein signifikantes Porträt der alt gewordenen Dame hinterliess. Ich übertrage ein paar Zeilen der Übersetzung: „Die alte Baronessa erschien uns in der Nähe des Hauses, fast wie zufällig. Mit kleinen, heftigen Gesten liess sie den Gärtner verschwinden, dann näherte sie sich uns ein paar Schritte, quasi angezogen von Argwohn. Ich fragte sie, ob sie uns die Puppen zeigen würde, die sie kreiert hat. Zuerst sah sie mich mit einer offenen Antipathie an, die sich unhöflich in ihrem spitzen, leicht semitischen Gesicht zeigte, das von einem leichten schwarzen Bart und einigen Locken gesäumt war. Dann, nach und nach, besänftigte sie sich,  schenkte uns Gehör, trippelte ins Haus und erschien wieder mit einer Puppe auf dem Arm, die zum Täuschen ähnlich lebendig aussah. Sie behandelte sie wie ein Kind, sprach mit ihr, liess sie sich verneigen; dann, überzeugt von unserer Bewunderung, führte sie uns ins Haus, wo auf einem Sofa eine ganze Reihe von Mädchen und Kindern sassen, ebenfalls lebhaft, fantasievoll gekleidet und uns mit leuchtenden Augen anschauend. Die Baronessa nahm eines nach dem andern in den Arm, stellte es uns vor, liess es sich bewegen und verneigen: dies war ihre Welt. Die hässliche und energische Alte mit diesen süssen und lächelnden Puppen im Arm, hatte etwas Verzaubertes und Verhextes an sich. Sie blieb misstrauisch und gebieterisch; sie glich dem alten Disraeli. Sie erzählte von der Vielzahl ihrer Qualen, um ihren schönen Garten zu kreieren, der nunmehr vernachlässigt sei wegen der Besuche der vielen Leute. Sie gab zu verstehen, dass sie sich manchmal wie eine wilde Katze verteidigte: und zwar so! Sie krümmte die Finger wie Krallen, bedrohte uns und fauchte uns an, wie die Schlangen sie anfauchten, als sie einst die Inseln betrat.“ Einer der bevorzugten Autoren für die Lektüre der Baronessa war der Zürcher Conrad Ferdinand Meyer, 1898 gestorben. Ich würde fast sagen, dass mit ihm vielleicht gar ein Schriftverkehr oder auch ein Treffen in Zürich oder sonst wo gewesen sein könnte. „Der Sinn des Grossen wird mir niemand stehlen, nie mehr“: schrieb der Poet. Eine ähnliche Bemerkung könnte in gewisser Hinsicht auch aus dem Mund der St. Léger stammen, die mit besonderer Zufriedenheit Verse aus der lyrischen Erzählung „Huttens letzte Tage“ ins Tagebuch übertrug. In „Das Geflüster“,  schien sie sich selbst gefunden zu haben: "Erinnrung plaudert leise hinter mir, Auf diesen stillen Inselpfaden hier. Sie rauscht im Eichenlaub, im Buchenhag, Am Ufer plätschert sie im Wellenschlag, Und mag ich schreiten oder stille stehn, So kann ich ihrem Flüstern nicht entgehn. Da streck ich lieber gleich mich aus ins Gras! Erinnrung, rede laut! Erzähle was! Hier lagre dich, zeig dein Geschichtenbuch! Und wir ergötzen uns an Bild und Spruch.“ Beim alten Inselhafen befindet sich eine Tafel mit der Inschrift: "Già Proprietà di Nobildonna Antonietta de San Lèger Re Casa al Porto del parco isole."