Margot Stangassinger, Keramikkünstlerin

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 80/2, vom 22. Mai 1964, Künstler im Tessin, duftende Kerzen und leuchtende Farben, Margot Stangassinger in Verscio von Hilde Wenzel: „Margot Stangassinger gehört eher zu den Stillen, Bescheidenen, denen die Arbeit an sich wichtiger ist als der äussere Erfolg.
Margot, die uns im leuchtenden blauen Leinenkleid empfängt, das so gut zu ihren roten Haaren passt, ist im aargauischen Baden geboren, und sie ist bei Zug in einer sehr ländlichen Umgebung zwischen Blumen und Tieren aufgewachsen. Da gab es Hunde und Häschen, die Vorliebe für Tiere ist ihr geblieben, wenn sie jetzt auch nur noch einen munteren Terrier hat, der sie auf ihren Spaziergängen begleitet. Vor 15 Jahren ist die Künstlerin mit ihrem Vater, der Chemiker ist, ins Tessin übergesiedelt, in einen wunderschönen Palazzo im Pedemonte, hier hat sie auch das ihr gemässe Ambiente gefunden. Zwar hat sie im Sommer zu viel im Haushalt zu tun, - es gibt im Dachstock noch eine reizende Ferienwohnung, - und nur im Winter kann sie sich uneingeschränkt ihrer künstlerischen Arbeit widmen.
„Ich habe schon als Kind gern unser Häschen gezeichnet“ erklärt sie, nachdem wir uns auf der Terrasse niedergelassen haben, von der aus man die rot blühenden Fliederbüsche und bis zur Kirche von Verscio sieht. „Ja, sogar, wenn ich Schokoladentiere geschenkt bekam, zeichnete ich sie bevor ich sie aufass.“
Man sieht, dass sie Blumen und Tiere liebt, auf dem Fenstersims steht ein prächtiger bunter Gockelhahn und im Garten sitzt ein Frosch und eine grünblaue Ente als Wasserspeier.
„Von der Porzellanmalerei war es nur ein Schritt zur Keramik“, fährt sie fort. „Ich habe in Zürich Aktzeichnen und in München malen gelernt und auch Privatstunden genommen. Das Meiste habe ich mir selbst angeeignet. Später konnte ich in Zug Porzellanmalerei ausstellen und im Lyceumclub von Lugano Keramik. Die Ideen kommen mir ganz von selbst und ohne äussere Anregung, ich arbeite ohne Drehscheibe und auch ohne Formen, so dass ich nie etwas zum zweiten Mal herstellen kann. Alle meine Arbeiten sind Einzelstücke, von denen ich mich manchmal nur schwer trenne. Denn meine künstlerische Tätigkeit ist kein Muss, sondern eine Freude. Mein Wunsch wäre später einmal eine eigene Boutique aufzumachen. Vorläufig habe ich einiges in dem Verkaufslokal der Kunsthandwerker in Locarno ausgestellt.
Ausser dem Leichten, Blumenhaften, Zarten, besitzt Margot noch andere Ausdrucksmöglichkeiten. Die grosse blaue schön geschwungene Schale und die Platte mit den Pferdchen beweisen, dass sie um eine höchst moderne Formengebung weiss und bemüht ist.
Wir begeben uns in den Salon, einen Salon im alten Stil, wie es ihn heute kaum mehr gibt, in dem die reizenden Spiegel mit ihren Blumen in Meissner Art so recht am Platz sind und an romantische Zeiten erinnern, ebenso wie die Biedermeieruhr. Wir stehen bewundernd vor diesen mit unendlicher Kleinarbeit verbundenen Schöpfungen. „Und dabei sollte man rasch arbeiten, damit es nicht trocken wird“, erklärt die Künstlerin. „Bei der Keramik kommt alles auf die Glasur und auf das Brennen an. Wir bewundern eine Lampe in Holländer Art, denn Margot ist auch gelegentlich gereist und in Deutschland, Italien und Holland gewesen.
Das Hauptanliegen der Künstlerin sind jedoch die Kerzen, dicke, braune nicht tropfende Wachskerzen, die nach innen brenne, und die mit alten Jagdszenen, aber auch mit Wappen und anderen Emblemen geschmückt sind und die zu bestimmten Gedenktagen und zu Weihnachten ihre Abnehmer finden. Diese Kerzen sind überdies noch parfümiert. Wenn wir in das grosse Laboratorium hinabsteigen, das Margot mit ihrem Vater teilt, sehen wir die unzähligen Flaschen, die Vater Stangassinger benutzt, um alle Wohlgerüche Arabiens herzustellen. Von Margots Arbeitsplatz am Fenster sieht man in den Garten. Ein Seelöwe, ein Froschkönig mit dem Krönlein und ein Engel mit Posaune harren hier ihrer Vollendung.
Aber, wenn sie auch gern nach Afrika reisen möchte, Margots Ziel ist nicht die Welt, es ist die Harmonie im kleinen Kreise und sie bekenn auch: Ich bin am liebsten zu Hause.“