Albert Vigoleis Thelen, Schriftsteller und Übersetzer
 
1903-1989, geboren in Süchteln am Niederrhein, gestorben in Dülken am Niederrhein

Sohn eines Buchhalters. Wuchs streng katholisch auf. Lehre als Schlosser in Süchteln. Ab 1925 Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln und Münster. Tätigkeit als Arbeiter,  daneben schrieb er. 1931-1936 Aufenthalt auf Mallorca mit seiner Frau Beatrice Bruckner, Heirat 1934. Bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936, Flucht über Marseille nach Auressio im Valle Onsernone. 1939 weiter nach Portugal. 1947-1954 lebte er mit seiner Frau in Amsterdam. 1954 nahmen sie Wohnsitz in Ascona, 1960-1973 in Vevey, ab 1986 im „St. Cornelius Stift“ in Dülken, wo er verstarb.
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 23/7 vom 29. September 1956, Asconeser-Künstler, Albert Vigoleis Thelen, von Doris Hasenfratz: „Oberhalb des Lago Maggiore gibt es ein Stück Wald, das noch nicht der Spekulation zum Opfer fiel. Hier blüht und wuchert es, Schlangen nisten und rote Feuerlilien glühen auf. Vom dichten Laubwerk verborgen liegen einige Häuser verstreut. Eines davon wurde des öftern von dreisten Dieben heimgesucht. So kam es, dass ein Hüter des Wortes, wenn ich einen Schriftsteller so nennen darf, vom Zufall des Geschicks zum Hüter eines Hauses ausersehen wurde.
Seit 1954 lebt Albert Vigoleis Thelen in Ascona, doch auch dies kann man wiederum nicht sagen, denn kaum einer hat ihn in den Gassen des Ortes gesehen, geschweige in einem der Wirtshäuser. Thelen liebt nicht das Scheinwerferlicht der Propaganda, er lebt versessen in seiner Arbeit, verbunden mit den Gestalten seiner Phantasie, unbeteiligt am Leben draussen - - und schreibt. In seiner freien Zeit lieb er es zu gärtnern und zu basteln. Der Tessin ist Thelen nicht unbekannt. Er hatte das Jahr zuvor mit seiner Frau, die Baslerin ist, in einem kleinen Ort am anderen Ufer des Lago Maggiore gelebt und auch Auressio im Onsernonetal wurde für einige Zeit seine Wohnstätte. In Portugal und Spanien ist er ebenso zu Hause wie in Amsterdam – Thelen ist einrichtiger Weltenbummler. Wohin in das Leben verschlägt, dort ist er zu Hause, dort kann er arbeiten unabhängig von Klima, Umgebung und Menschen. Er hat sogar nicht nur mit den Wölfen heulen, sondern mit ihnen in den Wäldern Portugals leben müssen, zu einer Zeit, als es hiess auf dem Seil des Lebens zu balancieren.
„Am wohlsten fühle ich mich unter Analphabeten“, meinte er, „denn unter ihnen findet man die grössten Philosophen“. Eines ist aber entscheidend für seine Arbeit: die richtige Höhe seines Schreibtisches. Sein jetziger Arbeitstisch wurde von ihm selbst zurecht gezimmert, entstanden aus einem alten Küchentisch, versehen mit einer genial erdachten Beleuchtungskonstruktion, an der eine Lampe für die Schreibmaschine, eine zum Lesen und eine alte Kohlenfadenbirne hängt, die für Zwecke der Meditation angezündet wird. In neunmonatlicher Arbeit ist der durch den Fontanepreis 1954 ausgezeichnete Roman „Die Insel des zweiten Gesichts“ entstanden, ein Buch, das Anlass zu heftigen Diskussionen gab. Das umfangreiche Buch weicht in allem von dem üblichen Schema des Romanes ab, es ist in einem kristallklaren Stil geschrieben und beleuchtet die Welt der ungezügelten Leidenschaften, der Bordelle und Huren mit einem karnavalesken Humor, mit einem Sarkasmus, der sowohl Kritik und Bonhomie in sich birgt, mit einer Spritzigkeit und Schlagkräftigkeit der Wortbilder wie es dem Wesen des Rheinländers angeboren ist. Thelen ist ein Meister des Fabulierens. Sein neuestes Buch, das im Herbst erscheinen wird, „Der schwarze Herr Bahssetup“ ist wiederum ein Neunmonatskind. Eigentlich sollte es eine Novelle werden, doch beim Schreiben ging seine Lust zum Fabulieren mit ihm durch – es wurde wieder ein grosser Roman.
Thelen schreibt alles sofort in die Maschine, ganz gleich, ob es sich um Prosa oder Poesie handelt. Er schreibt alles ohne Durchschlag, denn der Durchschlag ist in seiner Vorstellung unlöslich mit der Person des Verlages verknüpft und diese Assoziation raubt ihm jegliche Konzeption. Der Verleger als spezie homo ist nämlich jener Mann, den Thelen am wenigsten leiden kann und das Leben wäre für ihn wohl ein Paradies, wenn Schriftsteller ohne Verleger auskommen könnten. Es gäbe jedoch kein richtiges Bild, wenn man Thelen nur nach seinen Romanen beurteilen würde. Aus seinem Gedichtband „Der Tragelaph“ spricht seine starke lyrische Begabung. Wir finden Gedichte von echter Poesie und einer meisterlichen Abgewogenheit des Wortes. Thelen hat in seinen satirischen und grotesken, „Viglotria“ eine Charaketeristika seines Berufes als Leitwort mitgegeben: Dichter sind Büchsenöffner ihrer Innenwelt, Manchem schwinden schon die Sinne, wenn der Deckel fällt.“
Aus www.programmzeitung.ch, von Oliver Lüdi: „Als im Jahr 1953 der Roman “Die Insel des zweiten Gesichts” des damals fünfzigjährigen Albert Vigoleis Thelen erschien, war die Kritik des Lobes voll. Da wurden Vergleiche mit Cervantes, Sterne oder Jean Paul gezogen. Da wurden einhellig der hohe Unterhaltungswert des Romans und Thelens sprachliche Virtuosität gepriesen. Und wirklich, die “Insel” ist stark, monumental, verrückt – man wundert sich, dass es so einen Roman gibt, dass er je, zumal in jener Zeit, geschrieben wurde. Eine auf Handlung fixierte Leserschaft sei aber schon mal gewarnt: Es geht hier nicht hauptsächlich darum, was passiert, sondern wie Thelen erzählt. Man muss dessen heiterdüsteren Blick auf die Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts, man muss seine manischen Abschweifungen und vorsätzlichen Entgleisungen geniessen können. Jenseits davon geht es um die Abenteuer von Vigoleis und seiner Frau Beatrice auf Mallorca, was sie – inmitten von Huren, Hochstaplern, Geistesgrössen, Faschisten und Kleinkriminellen – zwischen 1931 und 1936 dort erlebten. Dabei mischen sich Erlebtes und Erdachtes aufs Undurchsichtigste. “In Zweifelsfällen entscheidet die Wahrheit”, bemerkt Thelen dazu listig. Der Autor und seine Frau lebten nacheinander auf Mallorca, in Portugal, den Niederlanden, der Schweiz, zuletzt auch im, wiewohl er Deutscher war, stets gemiedenen Deutschland. In der Schweiz verbrachte das Paar 32 Jahre, davon kurze Zeit in Basel, später im Tessin und in der Nähe von Lausanne. Beatrice, Bruckner mit Familiennamen, kam aus Basel und überdies Verwandte des, so Thelen, “Basler Renommierheiligen” Jakob Burckhardt. Sie muss eine wunderbare Frau gewesen sein. Klug, pragmatisch, das Leben meisternd, auf ihren kauzigen “Vigo” beruhigend und ausgleichend einwirkend. Sie wird wohl – wie manch andere Künstlergefährtin – ihrem Mann den Rücken freigehalten haben. Damit der seine Kunst machen kann. Dafür hat aber Vigoleis seiner Beatrice in der “Insel” ein Denkmal gesetzt. Man muss sie – durch ihn gesehen – einfach gern haben. Albert Vigoleis Thelen wäre am 28. September 2003 hundert Jahre alt geworden. Weshalb ihm die Universitätsbibliothek Basel eine sehenswerte Ausstellung widmet, gut geeignet, sich mit dem Autor und Menschen Thelen ein wenig bekannt zu machen. Und jüngst erschien auch ein sehr lesbares, detail- und kenntnisreiches Porträt von Thelen in Buchform, mit zahlreichen Zitaten aus seinem Werk und einigen Abbildungen. Die grösste Lust aber ist es, das ist klar, den Meister im Original zu lesen, seine “Insel des zweiten Gesichts”. Alleine das Kapitel, worin Vigoleis sich auf Mallorca als Fremdenführer betätigt und deutschen “Kraft-durch-Freude”-Touristen, in doppeldeutiger Führerrolle, das Blaue vom Himmel herunterschwindelt – alleine das lohnt schon und ist ein Erzspass.“