Jakob Trommer
Jakob Trommer, Pianist und Komponist

1905-1990, geboren in Zürich gestorben im Valle Onsernone

Im "Ferien-Journal" von September 1957 schrieb Otto Bachmann unter "Asconeser-Künstler": "Jack Trommer ist als Musikschaffender in weitesten Kreisen bekannt geworden. Im Alter von fünf Jahren begann schon sein Musikstudium. Als junger Pianist zog er in der ganzen Welt herum. Mitwirkend bei Teddy Stauffers berühmter Band, komponierte er die unvergessenen Melodien: „Ma Bambine“ und „J’ai besoin de vous“. Ausserdem schuf er die Musik für drei Spiel- und zwanzig Dokumentarfilme. Bei den Spielfilmen seine „Al canto del Cùcù“, Margrit und die Soldaten“, sowie „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ genannt. – Der schweizerische Schützenfilm wurde in Rom vom olympischen Komitee mit der – grossen Goldmedaille geehrt. Als bezeichnend für die Wirkung seiner Filmmusik möchte ich eine Bemerkung erwähnen, die ich zufällig beim Ansehen des Filmes „Hodler und das Bildnis der Menschen“ gehört hatte, wo jemand sagte: „Bis jetzt habe ich die Musik beim Film bloss als Geräuschkulisse empfunden“. Bei diesem Film aber ist die Musik eine tiefe Entsprechung der eindringlichen Bildkraft Hodler’s. – Jack Trommer komponierte auch ernste Klaviermusik und Streichquartette, die das Exzentrische vermeiden und in einer strengen, eigenständigen Form gehalten sind. Die Thematik seiner Musik ist die zutiefst menschliche des Liebenden, welche entgegen dem Intellekt des Nur-Formalisten durch den Melos geheimnisvoll durchwebt wird.
Als ich wieder, erfüllt von den Herrlichkeiten Rom’s, verträumt in weite Fernen der Vergangenheit beim blassen Morgengrauen in mein „Albergo“ zurückkehrte, lag ein Brief von Jacky Trommer da, worin er mir über einige, die Musik betreffende Fragen, antwortete. Ich fand den Brief so schön, dass ich ihn hier unverändert nachfolgen lasse."
Nachruf auf Jakob Trommer im „Ferien-Journal“ Nr. 287/7, von Oktober 1990, verfasst von Hanspeter Manz: „Addio, Jackie ... Zum Abschied von Jack (Jakob) Trommer.
Still und von vielen Jüngeren vielleicht bereits vergessen, ist Ende August der Komponist und begnadete Pianist "Jackie" Trommer von uns gegangen. Nur wenige Wochen nach seinem Freund Lello Bianda, in dessen "Ristorante Aeroporto" er über viele Jahre hin so etwas wie ein musikalisches Markenzeichen war. Von unzähligen Besuchern, von Jung und Alt, seines unglaublichen Gedächtnisses für "Oldies" und "Klassiker" und seiner stupenden, pianistischen Verfügbarkeit wegen hoch geschätzt, ja verehrt.
Jack Trommer, der weit mehr war als ein wirklich grosser Barpianist, ist seinem Bruder Hans im Tode nachgefolgt: dem Schöpfer des unvergesslichen Schweizer Filmklassikers "Romeo und Julia auf dem Dorfe" (1941), für den Jakob Trommer seine wohl schönste Filmmusik geschrieben hat. Die beiden Brüder wuchsen im Zürich zur Zeit des 1. Weltkrieges heran - beide geprägt von der Liebe zum Theater (das Stadttheater lag gleich um die Ecke), zum noch jungen und stummen Film und zur Musik. Kein Geringerer als der Busoni-Schüler Walter Jessinghaus lehrte den jungen Mann Musiktheorie, Harmonielehre und Kontrapunkt. Während Hans in den alten Berliner UFA-Ateliers der Zwanzigerjahre als Statist und "Mädchen für Alles“ Filmluft schnupperte, verdiente sich Jakob sein Brot u.a. als Stummfilmpianist in einem Zürcher Kino am Rennweg.
Mit dem Beginn des Tonfilms begann für den noch nicht Dreissigjährigen eine grosse Zeit. Jakob, bald „Jack“ Trommer, wurde langjähriges Mitglied der legendären „Original-Teddies" von Ted Stauffer, seinem lebenslangen Freund auch später, im fernen Acapulco drüben. Teddie, Jack und das Ensemble bereisten die halbe Welt, bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach. 1941 entstand (neben zwei weiteren Filmmusiken) die Begleitpartitur zum Romeo-Film. Eine bis heute ungewöhnlich gebliebene, meisterliche Auftragsmusik, in der Jacks grosses aber leider nie voll ausgeschöpftes kompositorisches Talent voll zum Tragen kam.
Ein 70-Mann-Orchester (Musiker des legendären "Orchestre de la Suisse Romande" unter dem ersten Konzertmeister, Dolf Zinsstag alias "Claude Yvoire“) brachte eine wundervolle Einspielung zustande.
Für viele Dokumentarfilme seines Bruder Hans hat Jack in der Folge markante Begleitpartituren komponiert. Viel zuwenig bekannt geworden ist hingegen seine lyrische Suite für grosses Orchester „Die schönen Jahre“ (Orchester des „SFB“, Berlin unter Werner Eisbrenner). Und nur wenige Eingeweihte wussten um die Bühnenmusik für Giacomo Barabinos Drama „Io, William Shakespeare", die 1971 in der „Opera Bellas Artes“ von Mexico City unter dem Dirigenten José Herrera de la Fuente eine glanzvolle Premiere hatte.
Verbunden war und blieb Jack Trommer indes über viele Jahre hin vor allem mit Ascona! Das Borgo wurde ihm, dem Vielseitigen aber Ruhelosen, so etwas wie eine Heimat. Von seiner kleinen Wohnung neben dem Municipio sah er direkt in die „Casa Serodine“, zu Meister Rosenbaum (seinem Schachpartner im „Schiff“) und zu Monsieur Kok, dem Antiquar hinüber, der ja, wie Jack, eigentlich Musiker war. In den Wintermonaten gehörte Jack Trommer dem Padruttschen „Palace Grand-Hotel“ in Sankt Moritz, allwo ihn selbst grosse und grösste Musikkoryphäen (wie Herbert von Karajan) hoch schätzten. Im Sommer aber lebte er in und mit Ascona.
Seine späte Heirat konnte Jackie Trommer nur noch kurze Zeit geniessen. Vor einigen Jahren traf ihn, abrupt, ein Schlaganfall. Er entzog diesen vitalen und auch philosophische vielseitig interessierten Künstler mit seinem einmaligen Lächeln und seiner sonoren Stimme unserem Ort. In Brissago, dann hoch oben im Onserone, musste er seine letzte Zeit verbringen: den Tod des Bruders erfahren, dem er lebenslang in ungewöhnlicher Weise verbunden geblieben war.
Am 27. August haben seine engsten Angehörigen in aller Stille in der kleinen Dorfkirche von Russo von Jack Trommer Abschied genommen. Geliebt und unvergessen von Vielen, die seine musikalische Vielseitigkeit bewunderten und bedauern mögen, dass er an eigenen Kompositionen so wenig, viel zu wenig, hinterlassen hat ...“