Ruggero Leoncavallo
Kurt Tucholsky, Journalist und Schriftsteller

1890-1935, geboren in Berlin, gestorben in Göteborg

Studierte Jura in Berlin und Genf. Wirken in Deutschland. Emigration nach Schweden 1929. Wohnte 1932-1933 in Zürich. Er hielt sich mehrmals im Tessin auf, z.B. 1930 im Grand Hotel Brissago, wo auch Erich Kästner logierte, oder im August 1932 im "Castello della Barca" bei Aline Valangin und Wladimir Rosenbaum in Comologno im Valle Onsernone. 1933 wurden in Deutschland seine Bücher verbrannt, er wurde ausgebürgert. 1935 starb er in Schweden an den Folgen einer Überdosis an Schlafmitteln.
Aus "Kästner für Erwachsene" über den Aufenthalt der beiden Schreibenden in Brissago: "Tucholskys Schreibmaschine klapperte unermüdlich, der schönen Stunden und Tage nicht achtend. Der Mann der da im Dachstübchen schwitzte, tippte und Pfeife rauchte, schuftet ja für fünf - für Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser und Kurt Tucholsky in einer Person! Er teilte an der kleinen Schreibmaschine Florettstiche aus, Säbelhiebe, Faustschläge. Die Männer des Dritten Reichs, Arm in Arm mit den Herren der Reichswehr und der Schwerindustrie, klopften ja damals schon recht vernehmlich an Deutschlands Tür. Er zupfte sie an der Nase, er trat sie gegen das Schienbein, einzelne schlug er k.o. - ein kleiner dicker Berliner wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten. ... Oft war er niedergeschlagen. Ein Gedanke quälte und verfolgte ihn. Der Gedanke, was aus dem freien Schriftsteller, aus dem Individuum im Zeitalter der Volksherrschaft werden sollte. Er war bereit, dem arbeitenden Volk und dem Sozialismus von Herzen alles hinzugeben, nur eines niemals: die eigene Meinung! Und dann marterte ihn damals schon, was ihn immer mehr und immer unerträglicher heimsuchen sollte - mit keinem Mittel zu heilende, durch keine Kur zu lindernde Schmerzen in der Stirnhöhle. Als wir uns trennten, wussten wir nicht, dass es für immer sein werde. Ich fuhr nach Deutschland zurück. Bald darauf schlug die Tür zum Abschied zu. Eines Tages hörten seine Freunde und Feinde, dass er aus freien Stücken noch einmal emigiert war. Dorthin, wo man nicht wieder zurückkehren kann."
Golo Mann über Kurt Tucholsky: "Tucholskys wahre Schwäche war diese: er mochte seine Landsleute, die Deutschen, sehr wenig, und er glaubte an die Republik überhaupt nicht. Infolgedessen richtete sein hassender Spott sich nicht gegen die Feinde der Republik auf der Rechten, geschweige denn der Linken, gegen die Kommunisten liess er nie ein böses Wort verlauten, sondern gegen die eigentlich staatstragende Partei, die Sozialdemokraten, denen er nicht verzieh, dass sie während des Krieges die Verteidigung des Vaterlandes bejaht und nach dem Krieg geholfen hatten, einen kommunistischen - "spartakistischen" - Aufstand niederzuschlagen."
www.tucholsky-gesellschaft.de, www.tucholsky.net