Ruggero Leoncavallo
Aline Valangin, Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin

1889-1986, geboren in Bern, gestorben in Ascona

Geboren in Vevey, aufgewachsen in Vevey und Bern. Enkelin des Pazifisten und Friedensnobelpreisträgers Elie Ducommun. 1904 Ausbildung zur Pianistin am Konservatorium Lausanne. Valangin musste  einer Verletzung der Sehne am rechten Daumen wegen ihre Karriere beenden. Sie verbrachte als Klavierlehrerin und Übersetzerin mehrere Jahre im Elsass. 1915 Umzug nach Zürich, wo sie Schülerin von C.G. Jung wurde. Beginn der Tätigkeit als Psychoanalytikerin. Sie war von 1917-1940 verheiratet mit Wladimir Rosenbaum, einem Zürcher Advokaten und späteren Asconeser Antiquar. Die Rosenbaums führten eine "offene Ehe" mit einigen ausserehelichen Beziehungen. In ihrem Haus in der Zürcher Enge, dem "Baumwollhof", ging die künstlerische Avantgarde und Gegner des in Deutschland aufziehenden Naziregimes ein und aus. 1929 erwarb sie das "Castello della Barca" in Comologno im Valle Onsernone, wo sie und ihr Mann vor dem Faschismus flüchtende Künstlerinnen und Künstler aufnahmen. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin ("Anabelle", "Weltwoche" und „Ferien-Journal“ von Hans Roos) und Schriftstellerin. Die Valangin hatte verschiedene Bekanntschaften, so mit Rudolf Jakob Humm, Ignazio Silone und anderen. Sie zog nach dem Verkauf der "Barca", 1939, zusammen mit Wladimir Vogel, ihrem zweiten Ehemann, von 1954 bis 1965 nach Ascona an die via Signor in Croce 24, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Im Alter fertigte sie Gobelin-Webereien, unter anderem nach Motiven von Jean Arp. Sie ist in Ascona begraben, im Grab ihres ersten Gatten Wladimir Rosenbaum und dessen dritter Ehefrau Sybille. Sybille soll rechts neben Rosenbaum liegen, Aline - kremiert - auf dem Bauch von Wladimir.
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 18, vom 7. Juli 1956, Asconeser-Künstler, von Alexander M. Frey: „Die Daten des Daseins von Aline Vogel-Valangin, die Stationen – wir wollen nicht sagen: des Passionsweges, aber eines höchst passionierten Individual-Weges, sind ebenso bedeutend wie aufschlussreich hinsichtlich ihres Lebens wie ihrer Leistung. Sie seien hier in grossen Umrissen gegeben. Wobei angemerkt sei, dass die Détails im Gang über die Erde unseres Glücks und unserer Leiden, die so genannten Nebensächlichkeiten, auf eine nicht immer erkannte, ja eine fruchtbar versteckte Weise die Ziele eines Menschen, seine gewollten – ungewollten, beeinflussen, ja geradezu bestimmen können. Aline Valangin ist in Vevey am Genfersee geboren, ist in Bern zur Schule gegangen, hat später viele Jahre in Zürich und im Ausland – in Brüssel, in Paris – gelebt. Die väterliche Familie stammt aus Genf und Neuenburg, die mütterliche aus Solothurn – man sieht, die Juralinie, das Extremwestschweizerische ist betont. Ursprünglich sassen die Väter in Pau in Südfrankreich; sie sind ab 1600 im Jura ansässig und sind Protestanten. Der Grossvater Elie Ducommun erhielt – es war vor dem ersten Weltkrieg – den Nobelpreis für den Frieden; er führte das Bureau International de la Paix in Bern und war Herausgeber der Zeitschrift „Les Etats Unis d’Europe“. Die junge Aline studierte Musik; ihre hohe Begabung in musikalischen Dingen legte die Ausbildung zur Pianistin nahe, die zwar wegen einer Fingerverletzung abgebrochen werden musste, womit aber keineswegs das Interesse an und die wachsenden Fähigkeiten in Fragen der Musik, der alten wie der neuen, der ganz neuen, unterbrochen wurde. Vielleicht kann man sagen, sie habe, aus dem Spiel des Spiels, des eigenhändigen öffentlichen Spielens ausgeschieden, umso energischer, um so lebendiger und inbrünstiger den geistigen Raum alles Musikalischen aufgesucht – in einer sehr glückhaften Weise, deren Ergiebigkeit sich darin dokumentiert, dass sie klar und resolut über Probleme der Musik, über kompositorische Novitäten zu schreiben versteht. Damit sind wir bei ihrem literarischen Vermögen, das dem musikalischen die Waage hält. Die Vielseitigkeit der Begabung dieser Frau besteht ohne Zweifel – wobei der eigene Zweifel in den Wert der Leistung stets wach bleibt und zwar nicht in einer hemmenden, sondern letzten Endes in einer fördernden Selbstkritik. Ein Grosser – war es Goethe – hat gesagt, zwei Drittel der Leistungen des Genies besteht aus Fleiss. Einen fleissigeren Menschen, einen umfassend fleissigeren als Aline Vogel-Valangin kann man sich nicht denken. Wobei dem beherzten Anpacken – einer geistigen wie materiellen Sache – die stets vorhandene Tendenz, originell und seriöse zu bleiben, auf das Schönste ergiebig beigesellt ist. Die üppige Vitalität im Geistigen, die unerzwungene Fähigkeit zur Apperzeption, die unschwer dann zur beschwingten und sprachlich farbigen Aussage wird, verlockte sie, über die Erlebnisse ihrer langen Tessiner Aufenthalte zu berichten. Sie war durch viele Jahre Besitzerin des Palazzo „La Barca“ in Comologno, oben im Val Onsernone, nahe der italienischen Grenze. Aus den Dorfgeschichten, die sie den vielen Gästen der Barca erzählte, wurden auf den Rat Bernard von Brentanos die Niederschriften zu einigen Novellenbüchern. – Daneben kamen Gedichtbändchen – aus der Fülle der Zweisprachigkeit – bei GLM und bei Sagesse, Paris, heraus. Die Büchergilde gab ihr einen Preis für den Roman „Die Bargada“. Weitere erschienen, so im Steinberg-Verlag, Zürich: „Victoire oder die letzte Rose“, ein Werk, das traurig-heiter, süss und grotesk die Atmosphäre einer vergangenen Stadt Bern, die letzten Tage einer gesellschaftlich und körperlich-geistig uralt wirkenden jüngerlichen Patrizierin beklemmend komisch und menschenfreundlich ernst darstellt. Was hier an exquisiter Seelenkunde zum Vorschein kommt, verträgt sich gut mit der Tatsache, dass Aline Valangin früh schon sich mit Tiefenpsychologie beschäftigt hat. Sie ist auch in diesem Fach beruflich tätig. Und lebt, nach dem Verkauf der Barca, dieses einst berühmten und viel besuchten Zentrums und Treffpunktes für musikalisch, literarisch, philosophisch Interessierte, jetzt in Ascona, verheiratet mit dem international weithin bekannten Komponisten Wladimir Vogel. Lebt, liest, musiziert, schreibt im eigenen Haus, auf der Höhe mit dem Blick in alle Windrichtungen. Hält sich Zwerghühner und Siamkatzen. Und dass diese, gerade diese halben Dschungeltiere mit viel räuberischem Blut in den stolzen Adern, den Hühnerzwergen nicht zusetzen, das ist eine der überlegen feenhaften Leistungen von Frau Aline, die übrigens erklärt, besonders liebe sie ihren Garten: „Ich bin eigentlich nur glücklich in ihm“.