Ruggero Leoncavallo
Wladimir Vogel, Komponist

1896-1984, geboren in Moskau, gestorben in Zürich

Wladimir Rudolfowitsch Vogel, Sohn einer Russin und eines Deutschen. Der deutschen Abstammung wegen wurde die Familie Vogel während des Ersten Weltkriegs in Russland interniert. Vogel  konnte 1918 nach Berlin ausreisen, wo er Komposition studierte. Tätigkeit als Komponist, Kompositionslehrer und Musikkritiker in Deutschland. Weil Vogel der "Arbeitermusikbewegung" nahe stand, musste er 1933 aus Deutschland flüchten, er wurde von den Nazis als "entartet" gebrandmarkt und floh über Strassburg, Brüssel und Paris nach London. Von 1936 und 1939 pendelte er zwischen Zürich und Comologno, "Castello della Barca". 1939 liess er sich mit Aline Valangin, mit der er von 1954 bis 1965 verheiratet war, in Ascona nieder. Vogel war der Promotor der 1946 gegründeten "Settimane Musicali di Ascona". Max Bill gestaltete Libretti seiner Kompositionen. Vogels Unterschrift findet sich in Angelo Conti Rossinis Gästebuch, unter seinen Bekannten war auch Rolf Gérard. Ab 1964 lebte Vogel in Zürich. Bis zu seiner Einbürgerung in der Schweiz 1954 war er mit einem Berufsverbot belegt, er durfte weder Lehren noch wurde die Einspielung seiner Kompositionen erlaubt.
Aus dem "Ferien-Journal", Nr. 53/6, vom 30. August 1960, Asconeser-Künstler, Wladimir Vogel, von Tinnon: „Dass in Ascona sehr viel gearbeitet wird, scheint im Widerspruch zu stehen mit dem erstaunlich lebhaften Ferienbetrieb und Ferienrummel, der da herrscht. Tatsächlich leben aber am Ort, dem Publikum fast unsichtbar, viele Schaffende: Maler, Schriftsteller, Dichter, Gelehrte und Musiker, zurückgezogen in ihren Klausen, doch international bekannt, ja vielfach berühmt. Einer dieser Stillen im Lande ist der Komponist Wladimir Vogel. Obwohl Asconeser Bürger geworden und fleissiger Stimmbürger bei den Wahlen, sieht man ihn selten im Dorf, nie in den Cafés oder gar am Lido! Er bewohnt mit seiner Frau, der Schriftstellerin und Psychologin Aline Valangin, eine hübsche, vor allen Blicken verborgene Villa auf der Collina, die aber so günstig gelegen ist, dass – umgekehrt – von ihr aus der Blick weit in die Rune schweifen kann, von Cannobio bis in die Magadino-Ebene, vom Gambarogno bis zu den hintersten Bergen des Maggiatales und des Centovalli. Im grossen Garten stehen Hühnerhütten, darin allerlei Federvieh ein vergnügliches Leben fristet: Zwerghühner, Riesenhühner, Enten und Gänse. Die meisten haben einen Namen und kennen ihn auch. Schlachten? Niemals, und wenn sie, wie es von den Gänsen heisst, achtzig Jahre alt werden sollten. Nebst diesem Hobby gehört alle Zeit der Arbeit, oder Reisen zu Proben und Aufführungen. Vogel wirft seine Kompositionen nicht eilfertig aufs Papier. Er gehört der heute weltweit verbreiteten Gruppe der in der Zwölftontechnik komponierenden Musiker an. Diese Technik verlangt grösste Disziplin, gewissenhafte Vorbereitung zu jedem Werk und genaueste Ausführung. Sein Oeuvre ist daher, gemessen an demjenigen eines vielleicht gleichaltrigen, aber frisch-fröhlich drauflos schreibenden Musikers, der es zu hohen Opuszahlen gebracht hat, eher klein, doch ein jedes seiner Werke, besonders die grossen abendfüllenden Oratorien, sind einmalig und bedeuten einen Schritt, nicht nur im Schaffen des Komponisten selbst, sondern in der gesamten Erscheinung. Diese Oratorien: „Qagadu’s Untergang durch die Eitelkeit“ und „Thyl Klass“ sind in vielen grossen Städten wie Rom, Florenz, Berlin, Wien, Brüssel, Paris, auch in Zürich und andern Orten der Schweiz mit tumultuösem Erfolg aufgeführt worden. Was sie vor andern Werken der Gattung auszeichnet, ist die musikalische Einsetzung eines sprechenden (also nicht nur eines singenden) Chores. Die Wirkung dieser instrumentalen Verwendung der Sprache, das heisst ihrer eigensten Klänge und Geräusche, ihres speziellen Rhythmus und melodischen Gefälles, ist immer verblüffend. Wladimir Vogel hat damit eine, die Musik bereichernde, interessante Verbindung von Ton und Wort gefunden. Ganz hinreissend kommt diese glückliche Verbindung in einem geistvollen Werk, der „Arpiade“, zur Geltung, auf surrealistische Texte des Dichter-Maler-Bildhauers Hans Arp geschrieben, (der übrigens auch, ganz geheim, in einer wunderschönen Besitzung in der Gegend seine Ferientage – die natürlich Arbeitstage sind, denn Künstler können nicht aufhören zu schaffen – verbringt).  Als neustes Werk von Wladimir Vogel entsteht in diesem Sommer eine grosse Kantate, eher ein weltliches Oratorium das – wie ein früheres seiner Werke das Leben des Pergolesi – das Leben des Malers Modigliani zum Vorwurf hat. Den Text schrieb der bekannte Tessiner Maler und Schriftsteller Felice Filippini, der in vorbildlicher Weise die Abteilung „Wort“ des Radio Monte Ceneri bestreut. Diese Evokation eines typischen Künstlerlebens ist übrigens ein Auftrag eben des Radio Svizzera Italiana und soll an der Einweihung des neuen Radiogebäudes, das oberhalb Lugano an schöner Lage erstellt wird, zur Ur-Aufführung kommen.“
NZZ online vom 18. Oktober 2008: "Tonserienfabrikanten und Palmwedelhalter Schönbergs. Die Zwölftonmusik und ihre ersten Vertreter in der Schweiz. Wladimir Vogel und sein Kreis. Wohl der wichtigste Vermittler der Dodekaphonie in der Schweiz war Wladimir Vogel (1896–1984). Seit 1935 in der Schweiz, setzte er sich engagiert für neue Musik ein. 1936 organisierte er einen Sommerkurs für neue Musik im Tessin: in Comologno im Valle Onsernone. Von Bedeutung war dabei die Einführung in die Technik der Komposition mit zwölf aufeinander bezogenen Tönen durch Willi Reich, einen Schüler Weberns. Nach dem Krieg fand auf Vogels Veranlassung am 12./13. Dezember 1948 im Hotel Viktoria in Orselina sogar ein «dodekaphonischer Kongress» mit einem Konzert statt. Prominente Teilnehmer waren Luigi Dallapiccola und Gian Francesco Malipiero aus Italien, Karl Amadeus Hartmann aus Deutschland, Hans Joachim Koellreutter und Eunice Catunda aus Brasilien sowie Serge Nigg aus Frankreich. Aus der Schweiz waren dabei: Rolf Liebermann, Hermann Meier und Erich Schmid. In der Folge plante Vogel, im Tessin ein Zentrum für neue Musik einzurichten. Als Komponist vollzog er den Übergang zur Zwölftontechnik im dritten und vierten Satz seines Violinkonzertes von 1937."