Paul Vogt, Geologe und Maler

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 24/1, vom 20. April 1957, Asconeser-Künstler, von Otto Bachmann: „Nach einem ereignisreichen, hochabenteuerlichen, glücklichen, aber auch qualvollen Leben in den Tropen ist Paul Vogt mit seiner Frau vor etwa zehn Jahren nach Ascona gekommen, um sich seither ausschliesslich seinem bildhauerischen Werk zu widmen. Paul Vogt war Geologe und völkerkundlicher Forscher. Sein erfolgreiches Wirken auf diesem Gebiet wurde durch den Krieg und Gefangenschaft unterbrochen. Für seinen Heldenmut während dieser Leidenszeit hat ihn der englische König Georg VI. mit einem hohen Orden ausgezeichnet. Sechzehn Jahre hat Paul Vogt im Urwald gelebt, prachtvolles, freies, erregendes, verzehrendes  Männerleben. Als Expeditionsleiter musste er in gar manchen Berufen Bescheid wissen! Er war für die Eingeborenen, deren Vertrauen er ganz besass, der weise Freund, der Arzt, der Richter. Ein hellwaches Interesse an der menschlichen Natur und die grossartige Möglichkeit, sie im Urwald zu erleben, haben ihm eine tiefgründige Menschkenntnis verschafft.  Im Busch hat Paul Vogt gelernt, das Verborgene im Menschen zu sehen und seinen eigenen Instinkt, den die Zivilisation verschüttet, zu verfeinern, zum Nutzen seiner Gestaltungskraft. So finden wir schon in seiner grossen Porträtkunst die Konzentration, deren es bedarf, um das Bild des Menschen aus dem Alltäglichen und aus Zufälligkeiten herauszuheben, um es in eine gültige Form zu übertragen. Die Vorstellung, die Paul Vogt vom Modell hat, ist in ihm stärker als dessen reale Erscheinung. Währendem sein Auge unablässig mit der Beobachtung des Modells beschäftig ist, bleiben seine schaffenden Hände dem inneren Vorstellungsbilde treu. Seine tastenden Augen vergleichen unablässig das Modell mit dem Vorstellungsbild: dadurch erreicht er eine hohe Realität, eine Wahrhaftigkeit des inneren Menschen, ohne die Form zu zertrümmern oder sich einem simplen Naturalismus hinzugeben. Im Aufzeigen des wahren Wesens ist Vogt unerbittlich, doch sieht er den Menschen nie einseitig. Er sieht ihn in seiner Vielfalt und Vielschichtigkeit. Das Verborgene, welches in seinen Bildnissen zu Tage tritt, ist jenes kaum wahrnehmbare Gleichgewicht, jene Synthese von Gut und Böse, jenes Rätsel der Faszination im menschlichen Antlitz, dem Vogt auf die Spur kommt. Paul Vogt hat sich weitgehend mit dem Problem des Bösen beschäftigt. Sein Widersacher ist die menschliche Dummheit in tausendfältigen Fratzen. Eine Reihe Plastiken, welche er die Narren des Lebens nennt, geben davon Zeugnis. Es sind Skulpturen, die das Böse in den stupidesten Formen menschlichen Verhaltens widerspiegeln und manchmal ins Absolute, Schreckliche steigern, wodurch eine faszinierend fremdartige Schönheit, giftigen Wunderblumen vergleichbar, entsteht. Eine innere tragisch gestimmte Kraft kennzeichnet die Gestalten des Bösen, die durch diese Kraft und die faszinierende Schönheit formal und künstlerisch gerechtfertigt sind. Paul Vogt hat dann die quälenden Gesichter hinter sich gelassen. Seine Skulptur füllt sich nun mit tiefer und sinnlicher Beseelung, die in gewaltig abstrakter Form empor flammt. Urweibliche Formen, die grosse weibliche Schönheit, die alles werden lässt. Durch die Leiden, durch das Böse, hat sich der Künstler nun durchgerungen zur schöpferischen, erlösenden Bejahung des Daseins. Sein neuestes Werk ist ein Bronzerelief, über eine grosse sizilianische Vase gebildet. Das Relief schildert die Entstehung des Lebens in vier Teilen: kosmisches Werden, das Entstehen des Vegetativen und der tierischen Welt und die Hervorbringung des Menschen. Vom Urzustand, dem Amorphen, am Fuss der Vase, bewegen sich die Formen, die eine aus der anderen hervorgehend, sich stets entwickelnd, bis zum Zustand der Erfüllung an der oberen Öffnung der Vase, wo das Gewordene und Vollendete wieder in den Orkus, in den Schlund der Vase hinein sinkt, den ewigen Kreislauf des Lebens symbolisierend. Ein wunderbares Werk, welches erneutes Zeugnis gibt von Paul Vogt’s genialer Kraft zur Synthese.“