Alice Vollenweider
Alice Vollenweider, Romanistin, Autorin, Literaturkritikerin, Übersetzerin aus dem Italienischen

 

1927-2011, geboren und gestorben in Zürich

 

von Wolfgang Gothe

Das Studium der Germanistik und Romanistik in Zürich und Paris schloss sie 1955 mit ihrer Dissertation „Der Einfluss der italienischen auf die französische Küche im Spiegel der Sprache“ ab. Durch ein Stipendium gelangte sie 1958 in Neapel zu ihren Lebensthemen: italienischsprachige Literatur und Kochkunst.  

Die vielseitig Interessierte gab die Anthologien „Neue Erzähler aus dem Tessin“ (1968) und – zusammen mit Carlo Castelli – „Südwind: Zeitgenössische Prosa, Lyrik und Essays aus der italienischen Schweiz“ (1976) heraus. Darüber hinaus verfasste sie für Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart „Die italienischsprachige Literatur der Schweiz seit 1945“ (1974, aktualisiert 1980). Sie übersetzte Leopardi, Montale, Venturini, Natalia Ginzburg und Malerba und trat durch literarische Reiseführer zu Italien und zur Schweiz hervor. Alice Vollenweider stellte in Zürich italienische Autoren vor; reiste sie nach Italien, rief sie sie an oder besuchte sie, um sich mit ihnen über Neuerscheinungen auszutauschen. Für eine journalistische Literaturkritik befasste sie sich eingehend mit einem Werk, bis sich dessen Gehalt heraus“kristallisierte“. Ihre Kunst bestand darin, präzise recherchierte Reportagen und allgemein verständliche Rezensionen für das Radio und Zeitungen, zuletzt ausschliesslich für die NZZ, zu verfassen. Sie hat viele italienische Autoren bei uns bekannt gemacht. Dafür wurde sie 1979 mit dem Conrad Ferdinand Meyer-Preis geehrt „für ihr Gesamtwerk als Übersetzerin und für die damit geleisteten Mittlerdienste zum romanischen Kulturkreis.“

Alice Vollenweider verbrachte Sommer für Sommer in Roveredo GR nahe Bellinzona. Kochen hatte sie nach eigenem Bekunden „vor allem von einem Freund gelernt, mit dem sie zwanzig Jahre zusammen war, einem Tessiner, ein ganz ausgezeichneter Koch.“ Kulturgeschichtliche Zusammenhänge zeichneten ihre Kochbücher aus. Jahrelang schrieb sie die Kochrubrik in der Zeitschrift Annabelle; eine Sammlung dieser Rezepte, Tipps und Kochgeschichten erschien als Buch mit dem Titel: „Alice Vollenweiders kleines Kulinarium“. Ihre Bücher „Aschenbrödels Küche“ sowie „Italiens Provinzen und ihre Küche“ wurden Bestseller. Ihr in Zusammenarbeit mit Hugo Loetscher verfasstes Buch: „Kulinaritäten. Ein Briefwechsel über die Kunst und die Kultur der Küche“ erlebte insgesamt fünf Auflagen. Bei der Lektüre ihrer Kochbücher läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Für Alice Vollenweider gab es „zwischen dem Tessin und Italien weder eine sprachliche noch eine kulinarische Grenze“ und folglich „keine Tessiner Küche“. Wenn Tessiner Ristoranti, Osterie und Grotti auf ihre cucina nostrana“ verwiesen, war „das eine Leerformel, die so wenig Sinn hatte wie die cucina della nonna.“ Nicht nur für Kochtraditionen war für sie „das Tessin nach allen Seiten offen und durchlässig.“ 

An ihrem Lebensabend verneigte sie sich zweimal vor dem Tessin. 2005 erschien ihr letztes Buch „Frischer Fisch und wildes Grün. Essen im Tessin.“ Ihren Nachlass, d.h. ihre Italien und die italienische Schweiz betreffenden Bücherschätze sowie den entsprechenden Teil ihres Privatarchivs vermachte sie der Bibliothek der Università della Svizzera italiana (USI) in Lugano.