Ruggero Leoncavallo
Carl Weidemeyer, Architekt und Künstler

1882-1976, geboren in Bremen, gestorben in Ascona

Maurerlehre und Architekturstudium in Bremen. Er liess sich 1905 in Worpswede nieder und befreundete sich dort unter anderem mit den Vogelers. Verlagerte seine Tätigkeit als Architekt bald ins graphische und kunstgewerbliche Gebiet. Er wandte sich der architektonisch führenden Moderne zu. Baute ab 1927 im Auftrag von Paul Bachrach für dessen Tochter Charlotte Bara, trotz des heftigen Widerstands der Asconesen, das "Teatro San Materno" in Ascona und konzipierte einige Privatbauten im Tessin. Nach 1935 entwarf er Möbel und widmete sich graphischen Arbeiten. Nach 1948 malte er ausschliesslich und wirkte von 1937 bis 1962 an Jakob Flachs Puppentheater. Er war mit Erich Maria Remarque freundschaftlich verbunden. Seinen Lebensabend verbrachte er zurückgezogen in Ascona. Jakob Flach über Weidemeyer: "Dann baute 1928 der malende Architekt Weidemeyer das Theater San Materno, das mit Tanz, Konzert und Vorstellungen eine neue Note in das kulturelle Leben brachte; stellte er auf der Collina und am See moderne Villen hin mit flachem Dach, grossen Fenstern und viel Licht; viele Kollegen bauten in neuer Weise auf uraltem Kulturboden, denn Ascona entwickelte sich zum Ort der tausend modernen Architekten und des Baufiebers. Man entdeckte, was die Pioniere des Monte Verità schon vor Jahrzehnten gepredigt hatten: dass der Mensch ein Wesen sei, das Licht, Luft und Sonne benötige, um glücklich zu sein; was ehemals Sünde und im besten Fall lächerlich war, erwies sich als mondän und dernier cri: Glaswände, lichte Räume, Shorts, braune Haut, nackte Arme."
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 16, vom 19. Mai 1956, Asconeser-Künstler, von Doris Hasenfratz: „Carlo Weidemeyer kam vor bald 30 Jahren nach Ascona, - und Ascona wurde für ihn nicht nur Domizil, sonder ein Begriff. Freilich war es nicht das Ascona der lärmenden Motorräder, Autos und Flugzeuge, ein Ascona der Spekulation, sondern es war jenes Ascona, in dem sich geistige Kräfte regten, lebhafte Diskussionen die Nacht zum Tage machten, neue Gedankengänge geboren wurden und bedeutende Menschen sich zur inneren Sammlung zurückzogen. Als ich Carlo Weidemeyer zum ersten Mal auf der Piazza erspähte – (einer Piazza, die von bunten, kleinen Häusern eingerahmt und ganz und gar mit Grad bewachsen war, einer Piazza, wo allabendlich die Kühe zum Brunnen geführt wurden, die Hühner sich faul in der Sonne räkelten und der Hahn den wenigen Kaffeegästen vor dem alten Schwyzer Stübli einen Besuch abstattete, wo die Wäsche zwischen den Blumen zum Trocknen lustig im Winde flatterte) – die Pfeife im Mund, die hellen Augen auf den See gerichtet, mit dunkelblondem Haar und Schifferbart, über den von Zeit zu Zeit sich die Hand leise streichelnd bewegte, wenn er im Gespräch war, hielt ich ihn für einen Kapitän von der „Waterkant“, der hier seinen Hafen nach langen Wanderfahrten gefunden hatte. Carlo Weidemeyer stammt tatsächlich von der „Waterkant“, nämlich aus Bremen, jener alten Hansastadt der Seefahrer. Auch in der ersten Hälfte seines Lebens war es ein Künstlerort, der für seine Entwicklung bedeutungsvoll wurde: Worpswede, das durch die geniale, leider so früh verstorbene Malerin Paula Modersohn-Becker seinen charakteristischen und eindrucksvollen Stempel erhielt. Carlo Weidemeyer hatte sich anfangs der Architektur verschrieben. Er begann seine Laufbahn als Maurerlehrling, um das Maurerhandwerk von Grund auf zu erlernen, bevor er sich dem Studium am Zeichentisch in einem Architekturbureau widmete. Die tief farbige Moorlandschaft von Worpswede zog ihn in seinen Bann und erweckte in ihm jene Kräfte, die ihn veranlassten, zu Pinsel und Palette zu greifen. Die Mehrzahl der damals entstandenen Bilder einer naturnahen Malerei wurde im ersten Weltkrieg vernichtet. Neben der Malerei begann er sich mit Graphik zu beschäftigen, so entstanden Holzschnitte und Radierungen. Interessant ist es zu sehen, wie die Themen aus dieser frühen Zeit in seinen Bildern aus den letzten Jahren wiederzufinden sind, wenn auch die geistige Konzeption sich entscheidend gewandelt hat. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg wurde sein Name als Buchillustrator bekannt und so mach erlesen schönes Buch des Insel-Verlages zeigt die Initialen, Illustrationen und Ornamentik des Einbandes von seiner Hand. 1914 zog es Weidemeyer nach Paris. Dort wollte er endgültig seine Zelte aufschlagen. Es kam der Krieg, er verlor alles, was er besass, kehre nach Worpswede zurück und wurde Landwirt. Es folgten Jahre des Harten wirtschaftlichen Kampfes, des neuen Suchens und Beginnens. Er gründete zusammen mit J.B. Neumann in Bremen das heute noch bestehende Graphische Kabinett, das vor allem jungen Künstlern die Wege ebnen sollte. Er entwarf Möbel, neuartiges, modernes Kinderspielzeug (Bremer Baukästen). Bau-Aufträge führten ihn ins Waldeck und von dort nach – Ascona. Schon in der damaligen Zeit ging er in allem seinen eigenen, erfindungsreichen, fortschrittlichen Weg. Er war ein Künstler, der stets neue Ausdrucksformen suchte und sich nie mit dem erreichten Ziel zufrieden gab. Die erste Bauaufgabe, die ihm vor ca. dreissig Jahren in Ascona gestellt wurde, war der Umbau einer Scheune zu einem kleinen Apartmenthaus. Damit schuf er für Ascona die ersten, komfortablen eingerichteten Wohnungen. 1928 entstand unter Weidemeyers Leitung der erste, moderne Bau in Ascona, das Teatro San Materno, das ursprünglich als Tanzschule für Charlotte Bara geplant war. Es folgten verschiedene Villenbauten. Kühn entschlossen führte er erfolgreich den Kampf gegen Vorurteil und Zopf. In allen bekannten Architekturwerken und Zeitschriften wurden seine Asconeser Bauten abgebildet. Heute haben die meisten durch nachträgliche Umbauten ihr ursprüngliches Gesicht verloren.Carlo Weidemeyer verstand es, die überlieferten Formelemente des Tessiner Baustils ins Moderne umzuwandeln. Die Aufteilung seiner Fronten, die Anlage von Terrassen und Aussentreppen zeigen eine überraschende Verwandtschaft mit den alten Tessiner Häusern. Der zweite Weltkrieg und der Einbruch des nördlich des Gotthard so gehegten Heimatstiles, das Fehlen grosszügiger Bauaufgaben veranlassten den Architekten, sich für das Tessiner Handwerk zu interessieren. Er versuchte der einheimischen Produktion von Stroh – Sitzmöbeln einen frischen Impuls zu geben, Solide, moderne Formen, immer auf der alten Tradition basierend, wurden ausprobiert, die Qualität wurde verbessert, denn nur dadurch konnte den Tessiner Möbeln der Zugang zu den Abnehmern in den anderen Kantonen gesichert werden. Unermüdlich war er in dieser Richtung bemüht. Der Erfolg blieb nicht aus. Die Asconeser Firma Fed. Fornera Figli konnte sich mit ihren neuen Stuhl- und Tischmodellen jenseits des Gotthards einen Namen machen. Unter Beibehaltung gewisser traditioneller Formen fanden die so verbesserten, geschmackvollen Möbel Eingang in einige der Hotels und Restaurants von Ascona. Der laute Trubel und Wirbel der Touristenwelt Asconas liegt dem Charakter Weidemeyers fern. In der Zurückgezogenheit seines Ateliers, in einem Hof an der Piazza, lebt Carlo Weidemeyer im Banne seiner Malerei, immer wieder mit künstlerischen Problemen ringend. Sein reger, intuitiver Geist kennt wohl die Weisheit des Alters, aber keinen geistigen Stillstand. Carlo ist mit Ascona ebenso stark verbunden wie Ascona mit ihm. – Nicht nur visuell. Seit dem Bestehen des Asconeser Marionettentheaters gehört er dem Ensemble als Sprecher an. Sein klangvolles, wohl modelliertes Organ mag manchem Theaterbesucher als Stimme Asconas im Ohr weiter klingen.“
Im Sommer 1980 schrieb Peter Riesterer im "Ferien-Journal" unter "Asconeser Persönlichkeiten" einen längeren Artikel über Carlo Weidemeyer und sein Leben in Ascona. www.carlweidemeyer.ch