Ruggero Leoncavallo
Günther Weisenborn, Schriftsteller

1902-1969, geboren in Veiben, Deutschland, gestorben in Berlin

Günther Weisenborn, geboren 1902, wuchs im rheinländischen Velbert auf. Sein Vater arbeitete bei der IG Farben in leitender Funktion, der Firma, die später für die Giftproduktion für Kriegszwecke verantwortlich gemacht werden sollte. Die Duldung des nach der Macht strebenden Naziregimes durch den Vater, sein Enkel bezeichnet ihn als Mitläufer, wurde von Günther Weisenborn heftig kritisiert. Der junge Mann fühlte sich schon immer dem Wort zugetan, er war begeistert von der Wandervogel-Bewegung, bezeichnete sich als Pazifist. Grossvater Weisenborn betätigte sich als passionierter Naturheiler, er drängte Sohn Günther zum Medizinstudium, das dieser auch tatsächlich begann, sich dann aber bald der Germanistik zuwandte, später der Philosophie und der Soziologie. Nebenbei war er als Autor und Schauspieler tätig. Nach dem Studienabschluss arbeitete er 1928 als Dramaturg an der Berliner Volksbühne, wo 1929 sein Antikriegsstück “U-Boot S4” mit grossem Erfolg aufgeführt wurde.  Heinrich George, der Vater von Götz, spielte seinerzeit die Hauptrolle. „U-Boot S4“ wurde auf allen wichtigen Bühnen Deutschlands gespielt und machte Günther Weisenborn als jungen Dramaturgen bekannt. Sein Studentenroman “Barbaren” fiel der Bücherverbrennung im Mai 1933 zum Opfer. Weisenborn schrieb unter Pseudonymen weiter. 1936 emigrierte er für ein Jahr nach Argentinien, später nach New York, wo er als Reporter tätig war und sich im „harten“ Journalismus bewähren musste. Zurück in Deutschland, führte er ein Doppelleben als Angehöriger des nationalsozialistischen Kulturbetriebs (Grossdeutscher Rundfunk und Dramaturg am Schillertheater) und gleichzeitig Sympathisant und Aktivist der Widerstandsorganisation “Rote Kapelle”. Als Rundfunkmitarbeiter half Weisenborn mit, Nachrichten zu fälschen um damit der Glaubwürdigkeit des Naziregimes zu schaden, es lächerlich zu machen – Sabotage!
1941 heirateten Weisenborn und Margarete Schnabel in Berlin, wo sie sich im Umfeld der „Roten Kapelle“ kennen gelernt hatten. Er gab ihr den Übernamen Joy, die Freude, den sie bald als ihren Vornamen annahm. Sie waren früh schon ein gutes Team, „sie tippte was er schrieb, und das war nicht wenig“. Am 26. September 1941 verhaftete die Gestapo Günther und Joy Weisenborn. Joy wurde in Untersuchungshaft genommen, Günther zum Tod verurteilt. Sein Urteil wandelte das Reichskriegsgericht im Februar 1943 wegen “Nichtanzeige eines Verbrechens” in eine dreijährige Haft “unter härtesten Bedingungen” um. Die Rote Armee befreite Weisenborn im April 1945 aus dem Zuchthaus Luckau. Nach Kriegsende amtierte Weisenborn für kurze Zeit als Luckaus Bürgermeister, später arbeitete er wieder als Dramaturg und Schriftsteller in Berlin. Mit seinen Werken “Die Illegalen” und “Memorial” verarbeitete er seine Gefangenschaft, mit “Der lautlose Aufstand” publizierte er 1953 eine der ersten Gesamtdarstellungen zum deutschen Widerstand. Er beteiligte sich 1947 an der Anklage gegen den ehemaligen Chefankläger des Reichkriegsgerichts, ein Verfahren, das von der Staatsanwaltschaft Lüneburg 1951 eingestellt wurde. Im Jahr 1948 zogen Joy und Günther mit ihren beiden Söhnen Sebastian, geboren 1946, und Christian, 1947, nach Engelswies am Bodensee „raus aus den Trümmern“, drei Jahre später zurück in den Norden, nach Hamburg und ab 1964 liess sich die Familie definitiv in Berlin nieder. Weisenborn machte sich mit seinen Theatertheorien einen Namen. Er plädierte, inspiriert vom chinesischen Theater, für die „ortlose Dramaturgie“, war gegen die mit Kostümen und Bühnenbildern voll gestopften Inszenierungen, die jeden Anflug einer Fantasie in den Köpfen der Zuschauenden im Keim ersticken. Auch distanzierte er sich von allem „Absurden“ – Dada zum Beispiel war für ihn „etwas Wertloses“ – sein Leitsatz lautete „die Sprache ist für das Volk da“. Die Tatsache, dass er sowohl in West- wie auch in Ostdeutschland publizierte, stempelte ihn für verschiedene Kreise zum „Kommunisten“.
Weisenborn hatte schon immer den Wunsch, ein Landleben zu führen. In jungen Jahren träumte er von einem Hof in Pommern, ein Wunsch, den die Grenzziehung nach dem Zweiten Weltkrieg vereitelte. Ein Ferienaufenthalt im Tessin im Jahr 1955 machte klar, dass seine Vision sich hier in der Südschweiz erfüllt hatte. 1956 kaufte er in Agarone, mitten im Rebberg, der heute keiner mehr ist, für 10'000 Mark ein kleines Haus mit einer „Stalla“, wo Joy zu Beginn, umringt von Ziegen, auf einem Campingkocher die Mahlzeiten kochte. „Natur pur“, erinnert sich Sebastian, Eidechsen, Schlangen, Skorpione, der angenehme Luftzug „am Berg“ und die süssen Sommerdüfte.
In den 1950er- und 60er-Jahren unternahm Weisenborn Reisen nach Paris, Prag, Warschau, London, Moskau, Burma, China und Indien, die Eindrücke aus diesen Exkursionen flossen in sein Schaffen ein. Er begegnete Menschen wie Mao Tse-tung, Nehru oder Tschou En-lai. 1962 verfasste er das Filmdrehbuch zur “Dreigroschenoper”. Seit 1955 verbrachten die Weisenborns immer wieder Zeit in Agarone. Ein schwerer Unfall im Jahr 1964 schränkte Günthers schöpferisches Wirken stark ein. Er starb im März 1969 nach schwerer Krankheit in Berlin. Es war sein Wunsch, auf dem Friedhof von Agarone in Gerra Piano in einem Urnengrab die letzte Ruhe zu finden. Seine Frau Joy lebte seit seinem Tod in Agarone. Im Alter, als ihr die Stufen und Treppen „am Berg“ Mühe bereiteten, zog sie in eine Etagenwohnung nach Ascona und kurz vor ihrem Tod schliesslich zurück nach Deutschland, in die Nähe ihres Sohnes Sebastian. Dort verstarb sie 2004.
Die Zeit der Gefangenschaft der Weisenborns während des Zweiten Weltkrieg ist in einem lesenswerten Buch  dokumentiert: Günther und Joy Weisenborn: Wenn wir endlich frei sind. Briefe, Lieder, Kassiber 1942-1945. Erweiterte Neuausgabe, Herausgeberin Elisabeth Raabe. Arche-Verlag, Hamburg und Zürich, 2008. ISBN 978-3-7160-2378-5.

Hier der Bericht des Sohns Sebastian Weisenborn in der Tessiner Zeitung vom 1. Juli 2010: