Ruggero Leoncavallo
Marianne von Werefkin, Kunstmalerin

1860-1938, geboren in Tula, Russland, gestorben in Ascona

Tochter eines russischen Generals. Nahm Privatunterricht bei Ilja Repin, dem bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus. Sie lebte mit ihrem Partner Alexej von Jawlenksy, den sie finanziell unterstütze, ab 1896 in München, wo sie zu einer zentralen Figur der Künstlerszene, der Bohème, wurde. 1914 emigrierte sie in die Schweiz, zuerst nach Genf, dann, 1917, nach Zürich, wo sie sich der Dada-Bewegung anschloss, und wohnte ab 1918 in Ascona. 1921 Bruch mit Jawlensky. Nach der Russischen Revolution verlor sie ihre Rente. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt als Vertreterin für Pharmaprodukte und mit grafischen Arbeiten. 1921 Gründung des „Museo Comunale“ in Ascona, zusammen mit dem Maler Ernst Kempter. 1924 Mitbegründerin der Künstlergruppe "Der Grosse Bär". Die Werefkin animierte 1926 Baron von der Heydt zum Kauf des Monte Verità. 1937 wurden ihre Bilder in Deutschland als „entartet“ diffamiert. Die Werefkin wohnte im Patrizierhaus der "Pisoni", wo sich heute das Ristorante Torre befindet. Sie hatte Kontakte zu "ganz Ascona"  (Ludwig, Remarque, Schmidhauser und wie sie alle hiessen, mit der malenden Ärztin Anna Iduna Zehnder verband sie eine Freundschaft) und wurde von den Asconesen als "la Nonna" verehrt, eine Ehrbezeugung, die dort nicht manchen "Fremden" zuteil wurde. Friedrich Glauser schrieb in seinem „Dada, Ascona und andere Erinnerungen": „Die Werekfina hatte eine sonderbare Art zu sprechen: sie zeigte dabei ihre breiten gelben Zähne, die gar nicht in den schmalen Mund passen wollten, der fein gezeichnet war, wenn sie ihn geschlossen hielt. Ihr Lachen war angenehm versöhnlich und durchaus kameradschaftlich. Wie alt mochte sie wohl sein? Es war schwer zu sagen. Zeitlos sah sie aus und geschlechtslos. „La Signora“ hiess sie bei den Fischer- und Winzerfrauen, die gern vor ihr ihr Leid ausbreiteten. Und stets ward ihnen einfacher Trost zuteil: Die Malerin streichelte die Kinder, und die armen Frauen machten grosse Hofknickse und küssten die braunen Hände der grossen Frau mit dem bunten Kopftuch, welche die Tracht des Landes trug und die Sprache des Landes sprach, so, als sei das Tessin ihre Heimat und nicht das ferne Land der Skythen.“ Die Werefkin starb an einem Herzleiden. Ihr Grab, geschmückt von einem russisch-orthodoxen Kreuz, befindet sich auf dem Friedhof von Ascona, zwei Grabreihen hinter dem jüdischen Grab der Rosenbaums. In „Ascona und sein Berg Monte Verità“ beschrieb Eduard von Erdberg ihre Bestattung. Im "Museo Communale d'Arte Moderna" in Ascona wird die "Fondazione Marianne Werefkin" mit rund 70 Gemälden und 160 Skizzenbüchern betreut. Eine Gedenktafel im Viccolo Ghiriglioni, beim Hotel Castello an Asconas Lungo Lago, erinnert an Werefkins Wirken im ehemaligen Fischerdorf.

Aus dem "Ferien-Journal" Nr. 116/6, vom 17. August 1968, Zwischen Tag und Traum, Das Werk der Malerin Marianne von Werefkin, (Das Werefkin-Museum in Ascona), von Gisela Fehrlin: "Im Jahr 1938 starb hier in Ascona Marianne Werefkin. Ein Name, der in der Literatur über die Kunst der Moderne nie fehlt. Marianne Wladimirowna Werefkin, geboren 1860 in Tula, Tochter eines hohen Offiziers und Schülerin des in Russland berühmten Malers Ilja Rjepin in Petersburg, siedelte 1896 mit einigen russischen Malern, darunter Alexej Jawlensky, nach München über, und bald war ihr Salon Treffpunkt der Avantgarde: Hier wurde 1909 die NEUE MÜNCHNER KÜNSTLERVEREINIGUNG gegründet, aus der zwei Jahre später „Der blaue Reiter“ hervorging. Sie war für den ganzen Kreis, auch für Kandinsky, die grosse Anregerin; drrin liegt, abgesehen vom eigenen Schaffen, ihre kunsthistorische Bedeutung. Clemens Weiler, der Biograph Jawlenskys, nennt sie sogar die Geburtshelferin der abstrakten Malerei.
Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges zerstreute sich die Gruppe. Wie Jawlensky ging Marianne Werefkin zunächst nach St. Préx am Genfersee; über Zürich kam sie schliesslich nach Ascona, wo sie sich 1918 endgültig niederliess.
Was bei ihrem Tod als künstlerischer Nachlass zurückblieb, wandelten ihre Gönner in eine Stiftung um, die nun seit letztem Jahr der Öffentlichkeit zugänglich ist. Die Gemeinde Ascona hat in der Casa Don Pietro Pancaldi – ebenfalls eine Stiftung – Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, wo Werke aus dem Nachlass der Künstlerin ausgestellt sind.
Ein kleiner Garten mit drei schlanken expressionistisch schiefen Palmen. Die Hausmauer krumm, wie es nur bei alten Bauten zu finden ist. Im Fenster ein Vogelkäfig und ein paar Blumen. Ein Idyll. An einem Innenhof geht es vorbei auf die Galerie im ersten Stock. Drei helle, eher kleine Räume bilden das „Museo Werefkin“. Endlich hat man Gelegenheit, das Werk der Künstlerin kennen zu lernen. Am deutlichsten fassbar als Inspirator wird hier Munch. Über allen Bildern hängt Einsamkeit. Einsamkeit nicht als selbstgewollte Zurückgezogenheit, sondern mit der Schwere des Verlassenseins. Das Paar, das an einem „Sonntagnachmittag“ am vordersten Tisch einer langen Reihe im Gartenrestaurant sitzt, dem Betrachter den Rücken zuwendet und über die leeren Tische, deren Reihung noch durch eine Baumalle betont wird, hinweg in die Ferne blickt, dieses Paar ist von der gleichen schmerzlichen Isolation gezeichnet, wie es die Menschen bei Munch so oft sind.
Immer ist etwas Geheimnisvolles dabei, fast immer etwas Bedrohendes. Bergseen, Berglandschaften umringen den Menschen und meist ist es Nacht, und durch die Dunkelheit wirkt alles noch unheimlicher, noch beängstigender. Doch Marianne Werefkin ging es nicht m die äussere Erscheinung, wichtig ist viel mehr der symbolische Gehalt, und dieser wiederum steigt aus mystischen Tiefen auf: Das Irreale nimmt während der letzten Jahre greifbare Formen an, indem es sich an religiöse Motive bindet; ein Kreuzweg, „Ave Maria“, in Komposition und Farbstimmung kommt die gleiche symbolistische Atmosphäre zustande wie früher, aber das Thema ist konkretisiert. Heiligenbilder, eine Kirche, eine Prozession zeigen, auch wenn sie nicht immer auf den ersten Blick entdeckt werden, Sinn und Ziel an. In den früheren Malereien gleicht die Bildwelt dagegen Traumvisionen. „Schlittschuhläufer“ huschen unter dem grünen Mond als schwarze Schatten im Kreis herum. „La femme à la lanterne“ sucht im Zwielicht zwei Schweine; das könnte eine ländliche Alltagsschilderung sein, doch die dämmerige weissblaue Winterlandschaft gibt dem Geschehen eine völlig unwirkliche Dimension. Und ebenso verwandelt das Hellgrün der Gesichter „Im Café“ die Gruppe gleichsam zu Teilnehmern einer Spiritistensitzung. Etwas vom Seltsamsten – und vom Bedeutendsten – ist die aquarellierte Zeichnung „Cathédrale“. Da biegen sich die gotischen Pfeiler pflanzenhaft gegeneinander, die Orgelpfeifen blicken wie ein Gesicht in den Raum; darunter ein Portal, merkwürdigerweise in Aussenansicht, obwohl es im Innern steht, und davor eine kleine schwarze Gestalt, von der man nicht weiss, ob sie kommt oder geht; sicher ist nur, dass sie Bezug hat zu jener Gestalt vorne links, die, eingehüllt in einen blauen Mantel und abseits wie ein versteckter Geist, der Zeit entrückt ist, eingebunden in die Perspektivlinien des Baues, und dennoch scheint sie ausserhalb, eingesponnen in etwas, das jenseits von Baukunst und Stil, jenseits der Stofflichkeit liegt. Hier nur zarte Farben, durchsichtiges Grün, Blau, Gelb und Rostrot. Sonst jedoch bevorzugt Marianne Werefkin violett, das eine Mal mehr mit rotem Grundton, das andere mit blauem, dann auch wieder mit Braun und Gelb vermischt. Oft gibt es allerdings gefährliche Farbkombinationen. Überall finden sich originelle, eigenwillige Einfälle, meist in Perspektive und Aufbau. Die künstlerische Potenz lässt sich nicht übersehen. Und gerde das Unbestimmte, Traumgesichtige fasziniert bei Marianne Werefkin. 
„J’aime les choses qui ne sont pas“ hiess ihr Wahlspruch. Ausserdem gestand sie: „Ich brauche Blumen über den Abgründen, die ich sehe, Täuschungen, um trauriges Wissen zu verhüllen. Ich brauche eine imaginäre Welt, eine freie Schöpfung, die ich zu meiner eigenen Genugtuung ausdenken kann. Die Wirklichkeit ängstigt mich. Um ihr Medusenhaupt nicht zu sehen, schöpfe ich mit vollen Händen aus meiner Phantasie, und die Tatsachen verwandeln sich in Märchen. Als Märchen empfindet man diese Malereien zwar nicht, aber als Umsetzungsprozess von grundlegenden Erfahrungen, ähnlich dem Traum, wo reale Eindrücke mit Unbewusstem, noch nicht Bewusstem sich zu neuen Bildern verdichten. Russisches klingt bis in die letzten Werke nach, Schwermut und Farbenmystik auch in den Tessiner Motiven. Tessin: der Blick aus den Museumsfenstern fällt auf winklige Dachpartien, alte Steindächer mit Wetterfähnchen, auf Kirchtürme und die Berge, unten die engen Gässchen – die Welt, in der Marianne Werefkin zuletzt gelebt hat und die auch in ihren Bildern wiederkehrt.