Ruggero Leoncavallo
Walter Wrubel, Maler

1921-1997, geboren in Österreich, gestorben in Ascona

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 153/3, vom 7. Juni 1973, Über den Künstler Walter Wrubel, von MÖVE: „In Ascona ist der Maler Walter Wrubel seit 1955 angesiedelt, der wie auch andere Wanderer zwischen vielerlei Welten und Schicksalen jenes wundersame menschliche Klima dieses Ortes prägt, das neben der einzigartig schönen Landschaft den Reiz Asconas ausmacht. Die Herkunft Walter Wrubels ist schon bezeichnend dafür. Bürger von Zürich, aus puritanischer Familie, geboren und aufgewachsen in Loeben, Österreich, seine Mutter Slovenin, eine Konstellation also, die für das Werk Walter Wrubels gleichsam vorbestimmt ist. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er in Zürich und Genf, danach längere Aufenthaltes in der Tschechoslowakei, Ungarn und Bulgarien und wieder Rückkehr in die Schweiz. Weitere Stationen seines künstlerischen Werdegangs waren Florenz und mit Vorliebe Frankreich. Unverkennbar tritt in seinen Arbeiten und in seiner Persönlichkeit der slawische Einfluss stark hervor. Er könnte aus den Romanen des österreichischen Dichters Joseph Roth sein, eine Mischung zwischen dem lässigen „Servus“ und der unverlorenen liebenswürdigen Höflichkeit des „Bitt schön, nach Ihnen“.
Vielleicht darum haftet dem künstlerischen Werk Walter Wrubels ein besonderer Reiz an, der nicht zu katalogisieren ist. Die üblichen Prädikate wie „abstrakt“ oder „konkret“ entziehen sich dem. Wenn es so etwas gibt wie „entrückte Abstraktion“, dann hat Walter Wrubel eine neue Kunstrichtung gefunden. Insbesondere seine Reliefs machen nicht etwa das Unsichtbare sichtbar, in ihrer künstlerischen Eigengesetzlichkeit erwecken sie unwillkürliche Associazionen von der Sichtbarmachung „abgelebter Zeiten“, wie Goethe es visionär in einer Verszeile ausdrückt. Auf Goethe bezogen sagt Walter Wrubel – „Bitt schön, nach Ihnen“ über seine künstlerischen Arbeiten: „Bilder, auch meine Bilder, sollen beim Anschauen zum Meditieren anregen, den Gedankenkreis erweitern. Und je länger man sie betrachtet, erkennt man die verschiedenen Schichten, auf denen sie aufgebaut sind. So werden aus den Schichten dann Geschichten, die die Bilder uns erzählen, gleich einem lieb gewordenen Buch.
Die Bilder und Reliefs haben keine Namen, ebenso wenig die zartfarbenen, hauchfeinen Collagen, für die Walter Wrubel bezeichnend Laub als Material verwendet hat. Alle seine Arbeiten sind in Form und Gestaltung magische Erinnerungen eben jener gelebten Zeiten, die unserer unbekannten inneren Welt noch bewusst, aber nicht mehr namentlich sind. Es gibt darunter kleine Reliefs, die an Ringfassungen der frühesten Hochkulturen erinnern, als Schmuck noch mit der Religion verbunden war und symbolischen Charakter hatte. Andere, grössere Reliefs passten gerade wegen ihrer puritanischen Strenge in Form und Farbe als ein abstraktes Christuskreuz oder Wandaltar in eine moderne Kirche. Überhaupt ist in den Reliefs eine Abkehr von äusserlichen Welt zu erkennen, wie die Propheten und Mystiker sie erlebten, um durch nichts von ihrer inneren Welt abgelenkt zu werden.
Die von Walter Wrubel verwendeten Farben haben nichts mit den blassen, grauen Tönen der Maler nördlicher Breiten, noch mit den glühenden leuchtenden Paletten mediterraner Maler gemein. Es sind die warmen reflektierenden Lichttöne sonnenbeschienener Sommerwälder, die durch grün belaubte Bäume fallen, den Weg bescheinen wie vor allem die russischen Dichter sie lieben und wie gemalt beschreiben. Nicht von ungefähr verwendet Walter Wrubel unter vielen anderen Materialien Holz, das er wabengleich oder wie zu Astlöchern form. Flächen trennt er häufig durch einen kleinen negativen Riss, ähnlich einer verkrusteten Baumrinde, der aber stark genug ist, diese zwei Flächen zu tragen.
Wer sich die Freude machen will, das künstlerische Werk Walter Wrubels anzuschauen, dem ist am 9. Juni Gelegenheit gegeben, seine Vernissage zu besuchen, wobei die Lage seines in einer noch ganz ländlichen Umgebung mit Wiese und Bach und Vogelgezwitscher allein schon ein Spaziergang wert ist.“
Aus dem "Ferien-Journal" von Juli-August 1997, von Urs Mäder: „Abschied von Walter Wrubel. Am 23. Juni ist in Ascona Walter Wrubel, der von vielen hoch geschätzte Maler und Objektkünstler, im Alter von 75 Jahren gestorben. In einem in der Tagespresse erschienenen Nachruf würdigte Henry Jaeger den Künstler als Menschen, der sich durch besondere Courage hervortat: "Von der sicheren Möglichkeit, als Maler im traditionellen Stil ruhig und problemlos zu leben, war er dazu übergegangen, die Figuration ins Bild einzubeziehen und zu abstrahieren.“ In einem späteren Ferien-Journal möchten wir auf Leben und Werk von Walter Wrubel zurückkommen. Der Anspruch, den er als Mensch und Künstler an sich selber stellte, war stets ein hoher, weshalb seine Werke es wert sind, eingehender betrachtet zu werden. Infolge zunehmender Erblindung konnte Walter Wrubel seine Schaffenskraft nicht bis ans Lebensende entfalten. Trotz dieses schweren Schicksals blieb er für seine Umwelt ein freundlicher, liebenswerter Mensch. Von denen, die ihn näher kannten, wurde er ob seines grosses Wissens sehr bewundert. Indessen blieb Walter Wrubel ein bescheidener Mensch, der nie viel Aufhebens um seine Bildung machte. Seine kreative Kraft und seine stille Tiefe haben den Künstler ein reiches Leben leben lassen, das sich in seinen Werken eher enigmatisch ausdrückt. Vom zunehmenden Verlust des Augenlichts gewissermassen um seinen Lebensinhalt gebracht, hat er eine Grösse bewiesen, die nicht selbstverständlich ist. Viel Kraft und rührende Zuneigung in dieser schweren Lage gab ihm seine Lebensgefährtin und Freundin Ruth Feld. Ihr möchten wir unser besonderes Mitgefühl aussprechen.“